Ein Krieg als Bewerbungsschreiben

12. September 2008, 19:00
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Mit seiner Geschichte über den Sudan, die erstmals auf Deutsch vorliegt, hat sich der junge Churchill auch als angehender Politiker empfohlen

Dem General schwante nichts Gutes. Sir Herbert Kitchener, der englische Oberkommandierende im Sudan, wollte diesen 24-Jährigen nicht haben. Nicht in seinem Heer, nicht in seiner Nähe. Er verfüge über genug Offiziere, teilte Kitchener London mit; dieser Winston Spencer Churchill für ihn keineswegs erste Wahl. Doch es kam anders. Nicht zuletzt, weil kurz zuvor, im Sommer 1898, Lord Salisbury, der konservative Premier, Churchill empfing, nachdem er dessen Buch über Auseinandersetzungen an der Grenze Britisch-Indiens zu Afghanistan gelesen hatte. Da Salisbury politischer Weggefährte von Winstons Vater Randolph Churchill war, konnte Kitchener seinen Widerstand nur kurz aufrechterhalten.

Zudem setzte sich auch der Generaladjutant der britischen Streitkräfte, Sir Evelyn Wood, für den ehrgeizigen Journalisten und Jungautor ein. So bestieg Churchill Ende Juli 1898 in Marseille ein Schiff nach Kairo, fuhr den Nil hinunter und nahm als Kavallerieleutnant an der Kampagne gegen den Mahdistenstaat im Sudan teil. Am bekanntesten an dieser Rückeroberungsaktion der Briten wurden die Schlacht von Omdurman am 2. September 1898, und Churchills Buch The River War. A Historical Account of the Reconquest of the Soudan, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt.

Der Afrikakenner und Reporter Georg Brunold hat dieses 1899 erschienene Werk geschmeidig übersetzt. Die erste Auflage in Höhe von 2000 Exemplaren war rasch verkauft, 1900 wurde nachgedruckt. 1902 erschien eine gekürzte Ausgabe. Brunold präsentiert eine Synthese aus der Ausgabe von 1902 und der letzten autorisierten Edition, ergänzt um die Schlussbetrachtung von 1899.

Was Kitchener vermutete, sollte sich 1901 bewahrheiten. Die Teilnahme an Kriegen und seine Berichte waren Churchills Entreebillet in die Politik. Während des Zweiten Burenkriegs 1899/1900, an dem er als Kriegsberichterstatter teilnahm, wurde er gefangen genommen, floh von Pretoria bis nach Mosambik, schrieb darüber ein aufsehenerregendes Buch (From London To Ladysmith via Pretoria), wurde landesweit bekannt und zog 1901 erstmals ins Unterhaus ein. Was folgte, war ein Aufstieg in Ministerämter, der zweimalige Einzug in Downing Street No. 10 und weltweite Bekanntheit. Und der Nobelpreis für Literatur im Jahr 1953.

Churchill erzählt von der Geschichte des Sudan, vom Entstehen des Reichs der Derwische unter Mohammed Ahmed, des "Mahdi", vom Aufstand gegen die Ägypter und von der Rückeroberung dieses Landes. Dabei setzt er so manchen überraschenden Akzent. Stellt etwa Englands Nationalhelden General Charles Gordon, den er als unkonventionell-ambivalenten Charakter zeichnet, auf eine Stufe mit dem Mahdi, dem er großen Respekt zollt. Churchill spart nicht mit Kritik an Kitchener, dem er vergiftete Komplimente macht und als herzlosen Heerführer darstellt. Auch seine Schilderung der Politbürokratie verrät, dass sich hinter dem Historiker ein angehender Politiker verbarg. So sind auch seine Bemerkungen gegen das Establishment in Westminster und gegen Gladstone zu verstehen. War doch der notorisch unabhängige Churchill als einer der progressiven Tories 1885 die treibende Kraft hinter dem Sturz von Gladstone gewesen. Packende, lebendige Geschichtsschreibung, mit großer Geste, einem dezidierten Willen zum eleganten und treffenden Ausdruck, mit Emphase und Präzision erzählt. (Alexander Kluy/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 9. 2008)

  • Winston S. Churchill, "Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi". Aus dem
Englischen übersetzt und herausgegeben von Georg Brunold. € 35 / 456
Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008
    coverfoto: eichborn

    Winston S. Churchill, "Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi". Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Georg Brunold. € 35 / 456 Seiten. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2008

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