Striptease mit Strache

12. September 2008, 18:25
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Das hätte man sich von H.-C. Strache nicht gedacht! Belogen soll er uns haben, wenn man "Österreich" und "NEWS" glauben soll

Das hätte man sich von H.-C. Strache nicht gedacht! Belogen soll er uns haben, wenn man "Österreich" und "NEWS" glauben soll. Und nicht nur das.

Er, der glühende Antikommunist, der sich im Wahlkampf nur deshalb an Che Guevara anlehnt, um sich von ihm zu distanzieren, so wie er sich vom Rechtsradikalismus distanziert, um sich an ihn anzulehnen - er soll als fast noch Jugendlicher gar nicht pädagogisch wertvolle Paintballspiele, sondern ernsthaften Wehrsport betrieben haben. Mit richtigem Schießgewehr, Pistole und Dolch.

Das wird eine mindestens ins Dutzend gehende Anzahl von Landsleuten, die vor zwei Jahren noch geglaubt haben, außer etwas Körperkultur in Militärkluft wäre nichts gewesen, bitter enttäuschen. Er hat euch belogen! glaubt "NEWS" nun titeln zu müssen. Exklusiv - Kurt Kuch deckt auf, behauptet das Magazin, das nun Fotos bringt, die der Blauäugigste unter Österreichs Wahlkämpfern unterdrückt, beziehungsweise in stalinistischer Manier manipuliert haben soll.

Einer aus dem Dutzend Enttäuschter muss der frisch gebackene Chefredakteur von "NEWS" gewesen sein. Jetzt wird er seiner Enttäuschung über Strache schier nicht Herr. Was sind da für Menschen in den vergangenen Jahren an die Macht gespült worden? Es dreht einem den Magen um, wenn man die NEWS-Story ab Seite 12 liest. Es ist unerträglich, was da für eine Spezies Politiker in unser Parlament gewählt werden will.

Nun hält sich ja die Macht, an die Strache in den vergangenen Jahren gespült worden ist, in Grenzen, und wenn nicht eine der beiden größeren Parteien auf ganz krumme Abwege gerät, wird es dabei auch bleiben. Doch was die von ihm verkörperte Spezies Politiker betrifft, ist nach 1949 schon Schlimmeres in unser Parlament gespült wurde - ohne ihre derzeitige Inkarnation verharmlosen zu wollen.

Dieser selbsternannte Robin Hood. Ein Mann, der uns alle offenbar lächelnd belogen hat, entrüstet sich der Chefredakteur, offenbar in der Erwartung, dass dieser selbsternannte Robin Hood beim Lügen weinen sollte, um den moralischen Anforderungen von "News" zu genügen. Dem wird er wohl kaum nachkommen.

Apropos Wahrheit. Sie ist nicht immer leicht zu finden. Rühmt sich "News" der Aufdeckung der Geschichte, als wäre sie die zufällig jetzt geplatzte Frucht zäher Recherche, gibt "Österreich" offen zu: Pünktlich zum Höhepunkt des Wahlkampfes wurden ÖSTERREICH und einem Magazin jene beiden bisher fehlenden Fotos zugespielt, die belegen sollen, dass Strache vor der Öffentlichkeit die wirklich brisanten "Waffen-Fotos" zurückgehalten hat - Strache inmitten des späteren Who's who der jungen österreichischen Neonazi-Szene. Genau diese Szene hat die Bilder jetzt an die Öffentlichkeit gespielt - als Rache, als Erpressung? Oder lügt "News" doch nicht, wenn das Magazin behauptet: Exklusiv - Kurt Kuch deckt auf?

Beim Chefredakteur wird über Rache und Erpressung einer inzwischen vermutlich etwas gealterten österreichischen Neonazi-Szene nichts aufgedeckt. Vielleicht um die exklusive Aufdeckungskapazität des Magazins nicht zu gefährden.

Umso nachdrücklicher, wenn auch etwas überraschend, fordert der neue Chef-Besen von Strache plötzlich ethisches Verhalten ein. Das Verhalten dieses schlechten Haider-Doubles ist für eine moderne Republik untragbar, befindet er, was zunächst offen lässt, welchen Staat er damit meint.

Sein Begriff der Moderne muss etwas mit der Erscheinungsweise von "News" zu tun haben. Normal wäre, wenn Sie Herr Strache - noch Mittwochabend - kurz nach Erscheinen von NEWS zurücktreten würden.

Von der Normalität dieses Ansinnens kann er selbst nicht sehr überzeugt gewesen sein: Da die meisten "News"-Leser das Blatt erst am Donnerstag zu Gesicht bekommen, wussten sie ja bereits, was seit zwei Jahren offenbar ist: Dass Strache wegen einer Wehrsportlüge nicht an Rücktritt denkt.

Da kann ihn "News" noch so oft verlocken: Das wäre anständig. Das wäre ehrenvoll. Das wäre das Gegenteil von feig. Herr Strache, Sie haben uns alle angelogen. Wir alle wollen, dass Österreich von anständigen Politikern regiert wird. Wir sind stolz auf unser Land. Und deshalb gehören Sie nicht in unser Parlament. Das ist Ihnen egal?

Offenbar ja. Denn das hat er als alter Paintball-Spieler noch drauf: Deren Motto lautet nicht "Unser Anstand heißt Ehre", auch nicht "Unsere Ehre heißt Anstand", sondern wenn schon, dann: "Unsere Ehre heißt Treue". Es war ja nicht alles schlecht. Und in einer modernen Republik kommt man damit locker ins Parlament. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 13./14.9.2008)

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