Edelkonkubine in Weinessig

12. September 2008, 18:06
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Bertolt Brechts "Die Judith von Shimoda" im Wiener Josefstadt-Theater

 Wien - Was immer das Wiener Josefstadt-Theater dazu bewogen haben mag, sich um die Uraufführungsrechte für Bertolt Brechts nachgelassene Judith von Shimoda zu bemühen: Um das Bestreben, Verhältnisse in der Zeigeform des "epischen" Theaters abzuhandeln, um die Welt als veränderbar vorzuführen, kann es sich - mit Blick auf Heribert Sasses langweiligen Bebilderungsabklatsch - gewiss nicht gehandelt haben.

Brecht bricht eine Heldenlegende des Japaners Yamamoto über das reichlich knöcherne Knie des epischen Erziehers. Die Geisha Okichi (Mavie Hörbiger), ein unnahbar blasses Abbild fernöstlicher Exotik, wird 1856 von der korrupten japanischen Handelsoligarchie zur Kollaboration mit den europäischen Eindringlingen genötigt. Schwer wiegt der Umstand, dass für Japanerinnen ein Berührungsverbot mit den "schmutzigen weißen Teufeln" gilt. Der furchtbarste von allen, US-Konsul Harris (Peter Kern), verbirgt hinter seinen Fleischmassen aber nur das zarte Gemüt eines Somnambulen.

Brecht schrieb nicht unbedingt selbst - er überließ alles Handwerkliche Yamamoto und seiner finnischen Kollegin Hella Wuolijoki. Er präparierte nur die Fabel um: Okichi "überlebt" ihr patriotisches Opfer. Sie erlegt dafür aber den Preis gesellschaftlicher Ächtung. Brecht, der Materialist mit dem untrüglichen Gespür für Verwerfungen und Verwertungen, für Ungleichgewichte zwischen Kulturen und deren Lebensformen, verhandelt Tauschwerte. Okichis Leben, das sie fortan der Trunksucht weiht, verliert dramatisch an Wert.

Herrliche Kimonos!

Das heißt aber eben auch nur: Sie trägt im Josefstadt-Theater herrliche Kimonos spazieren. Sie stellt ihre Pantoffel vor Betreten eines Zimmers artig ab und verströmt in einer Art Schulaufführung - "wie bilde ich möglichst unbedarft das Reich des Shoguns ab?" - das Charisma einer zwar porzellanförmigen, aber sonst grundvernünftigen Luxuskonkubine. Eine feine Schauspielerin mit Nuancen, die den grellen Ekel vor den Machenschaften einer gnadenlosen Gesellschaft in Weinessig legt.

Im Übrigen wähnt man sich allerdings in einem Brecht-Gefängnis aufgehoben, in einem epischen Luxus-Knast. Sasse selbst gibt mit gaumiger Nachdenklichkeit den Spielleiter, der das "Publikum" der Rahmenhandlung - es sitzt und räsoniert zu viert auf zwei Rang-Logen verteilt - über den Fortgang der Geschichte am Laufenden hält.

Viel honiggelbes Licht fällt auf Kimonogötzen. Eine zum Bild erstarrte Taifunwelle (Ausstattung: Amra Bergman) passt recht ergötzlich zu einem Papiertheater, das Brecht verfehlt, indem es ihn unbeleckt beim epischen Wort nimmt. Matter Applaus. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 13.09.2008)

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