Ein Mann verschwindet, der Sohn wird allgemein für den Mörder des Familientyrannen gehalten, zumal ein Finger des Verschwundenen auf der Kellertreppe seines Hauses gefunden wird. Was Collins aber sonst noch erzählt, ist mindestens ebenso spannend. Der geografische Hintergrund der Geschichte ist eine amerikanische Kleinstadt, die schon bessere Tage gesehen hat. Die Industrie ist abgesiedelt, Slums machen sich breit, traumatisierte Vietnamkrieg-Veteranen und zerstörte Familien sind Indikatoren des sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruchs einer Region.
Das örtliche Käseblatt Daily Truth kämpft mit schwindenden Auflagenzahlen und gegen die aufgebrezelte Plappertante des Lokalfernsehens, die schneller, seichter und spektakulärer "informiert" . Der Erzähler und Journalist Bill, der sich zu Höherem berufen fühlt, schwankt zwischen abseitigen philosophischen Ergüssen und hemmungslosem Boulevardjournalismus. Der Mordfall hat das Zeug zur überregionalen Sensation, und ehe Bill sich's versieht, ist er in der selbst angeheizten Gruselerzeugungsmaschine gefangen. Die fatale Eigendynamik, die dieser Fall entwickelt, kann medial nicht mehr gestoppt werden, und allmählich ist es egal, ob der Sohn seinen Vater wirklich umgebracht hat oder nicht, es reicht, dass das der Öffentlichkeit suggeriert wird. Ein großartiger Text mit doppeltem Boden. (Ingeborg Sperl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.09.2008)
Michael Collins, "Tödliche Schlagzeilen" . Deutsch: Eva Bonne. € 9,30/384 Seiten. btb, München 2008
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