Der Marquis von O.

12. September 2008, 18:33
3 Postings

O. war Schauspieler. Was bedeutete: Er trug ein Archiv seiner selbst mit sich herum, eine Bühne im Taschenformat zwischen Scheitel und Gurgel

O. sah mich streng an. Er stützte sich mit den Armen auf der Tischplatte ab, dass sie mit den Schultern ein Trapez bildeten, in dem sein imposanter Brustkorb sich hob und senkte, als wäre er ein von O. unabhängiges Gebilde. O. war ein Schauspieler. Was auch bedeutete: Er trug ein Archiv seiner selbst mit sich herum, eine Bühne im Taschenformat zwischen Scheitel und Gurgel, auf der jede Falte, jedes Grinsen, jede Feuchtigkeit in den Augen, jede Trockenheit in der Stimme Bestandteile von Rollen waren, die er sich erarbeitet hatte. Nun lagen sie in ihm herum wie auf einem Schrottplatz und ergaben doch, wenn er sich ans Werk machte und sie in anderem Zusammenhang zusammensetzte, ein Fortbewegungsmittel, das allen unausweichlich neu vorkam.
Es ist das Los nicht weniger Menschen, dass um eine Pose herum, mit der sie einmal Erfolg hatten, über die Jahre die Illusion einer Persönlichkeit entsteht. Das Glück des Schauspielers besteht nicht zuletzt im steten Wechsel der Posen und Persönlichkeiten. Wenn er im Gewühl die Übersicht behält, wird ihm eine besondere Gunst zuteil: das Privileg, nicht immer mit sich identisch sein zu müssen.

Ich saß O. gegenüber. Er hatte den Tisch näher an mich herangeschoben, sodass ich mich von ihm an die Wand gedrängt fühlte. Wer ihn nicht kannte, konnte sich in solchen Momenten angegriffen fühlen. O. tat im Grunde nur, was er immer tat: Er spielte eine Rolle und suchte sein Publikum zu packen. Wenn es jemand mit der Angst zu tun bekam, freute er sich darüber wie ein kleiner Junge, der seiner Schwester einen Frosch unter die Bettdecke gesteckt hatte. Er ließ daraufhin von seinem Opfer ab, und ein Lächeln breitete sich über seinem Gesicht aus, das genauso viel von Mephisto hatte wie von Margarete. Bemerkenswert war, dass ihm niemand diese Spielchen übelnahm. Im Gegenteil: Jeder fühlte sich von ihm beschenkt, weil er für kurze Zeit mit O. auf der Bühne gestanden war und sein Spiel nicht nur aus der Distanz der Guckkastenbühne, sondern am eigenen Leib erfahren hatte.

O.s Existenz nährte sich zu einem großen Teil davon, eine Wirkung zu hinterlassen. Mehr noch als über den Applaus freute er sich jedoch darüber, wenn man mit ihm zu spielen begann. Da es mir nicht anders ging, beugte ich mich ebenfalls über den Tisch, sodass wir mit unseren Köpfen zusammenstießen.

"Das war jetzt ein aggressiver Akt, mein Lieber." Ich presste meine Stirn gegen O.s Stirn. O. hielt dagegen, fletschte die Zähne und zischte: "Heast, soi i da den Schädl einschlogn? Soi i dan wiaklich einschlogn?" Stille um uns herum, sogar diejenigen, die an ihrem Handy hingen wie an einem Tropf, hielten kurz inne. Ich konnte mein Lachen nicht unterdrücken. "Jetzt lochst no - oba glei lochst nimma." Ein Ober nahm das Ganze ernst und ging dazwischen. "Darf ich den Herrschaften vielleicht noch etwas bringen?" O. atmete geräuschvoll durch. "Na heans, Herbert, was soll denn das? Jetzt hau'n Sie mir die ganze Spannung zsamm." - "Bitte um Entschuldigung." - "Entschuldigung, Entschuldigung", äffte O. den Ober nach. "Ois füan Oasch."

Wann kriegen wir das zu sehen?

O. liebte es, vulgär zu sein. "Ein kleines Kind hat gegenüber jeder Form von Schmutz ein positives Verhältnis. Es freut sich über die eigene Scheiße. Wenn man älter wird, muss man damit aufhören. Nur der Schauspieler darf damit weitermachen."

Was für das Singen galt - dass die Höhe eine Erdung brauchte -, galt für das Schauspiel erst recht. "Wenn ich mich monatelang mit Don Carlos auseinandersetze, dann würde ich hinterher am liebsten Operette machen." - "Wann kriegen wir das zu sehen?", fragte ich. "Ich weiß nicht. Irgendwann." O. zog die Augenbrauen hoch. "Vielleicht führe ich mich ja deshalb immer so auf, weil ich die Operette dann doch nie mache."

Das war das eine: Ausgleich, Hyperventilation. Das andere war, dass O. in kleinen Verhältnissen aufgewachsen war, in einem Dorf an der tschechischen Grenze, als Sohn eines Metzgers, der frisch auf die Theke legte, was er unmittelbar davor eigenhändig geschlachtet, im brühheißen Wasserbad entborstet, ausgenommen, zurechtgehackt und geschnitten hatte. Das Quieken der Schweine, die wussten, dass ihnen die letzte Stunde geschlagen hatte; das Blut, das sich seine Bahn am gekachelten Fußboden bahnte; das an Stricken und Eisenhaken von der Decke herabbaumelnde Fleisch in der Selchstube. Nicht zuletzt die im heißen Wind wogenden Mais-stauden, die dem Hin und Her unaussprechlicher Begierden und Wünsche von Kindern ein Gesicht gaben, die im Labyrinth eines Feldes ihre Spiele spielten.

All das hatte O. den behüteten Sprösslingen von Bildungsbürgern voraus. All das spürte, wer ihn in Richard III. oder Peer Gynt wüten, träumen und lieben sah, wo er zugleich Gefangener und Bezwinger seines massigen Leibs war, ein liebeshungriges Kindergesicht und ein hochempfänglicher Geist im Verbund mit dem Körper eines Ringers.

"I waaß net, warum i des mooch" , sagte er und bezog sich damit auf mein Projekt. Ich zuckte mit den Schultern. Es war nicht meine Aufgabe, ihn über seine Motive aufzuklären. Je weniger er darüber wusste, desto besser. Er wechselte von einem breiten, sich in Vokalen wälzenden Dialekt zu einer konsonantenverliebten Spielart von Hochdeutsch. "Dass wirdd ein Fiassko. Dass kann nur in einer Kattasstrophe änddn." Er übertrieb natürlich. Aber nur ein bisschen. Es war ein Wagnis, wozu ich ihn überredet hatte. Um die Wahrheit zu sagen: Es war verrückt.

Eine Woche zuvor hatte mich G., ein Regisseur, mit dem ich einen von herzlicher Animosität geprägten Umgang pflegte, eingeladen, an seiner statt die Leitung eines Theater-Workshops zu übernehmen. "Was du auch anstellst, es wird was Interessantes dabei rauskommen", lautete sein maliziöses Urteil. "Ich brauch einfach Urlaub" , fügte er hinzu. "In zwei Wochen fangen die Bauproben für den Marlowe an."

"Aber die Leute kommen doch wegen dir", erwiderte ich. "Mich kennt doch kein Schwein." Ich hatte gerade einmal eine Performance vorzuweisen, die in einem Salzburger Off-Theater über die Bühne gegangen und wegen des Erfolgs zweimal nachgespielt worden war. Was auch immer sich die Teilnehmer des Workshops von der Begegnung mit dem Regisseur erwarteten, von dem es immer wieder einmal hieß, er sei unmittelbar auf dem Sprung nach Wien: Wenn sie sich mit mir konfrontiert sahen, einem Niemand Anfang dreißig, der weder Schauspiel noch eine andere Kunst studiert hatte, mussten sie sich um ihr Geld betrogen sehen.

Ich wusste nicht, warum der Regisseur ausgerechnet mich mit der Leitung des Workshops betrauen wollte. Ich hatte bis dahin nichts Vergleichbares gemacht. Außerdem war ich auf den Kulturseiten des Stadtmagazins mit den Inszenierungen des Regisseurs nicht immer zimperlich umgesprungen. Die Quintessenz meiner Kritik bestand darin, dass der Regisseur sich wirkungsvoll bei vergangenen Epochen und neuen Medien bediente, sein Theater von einer Ansammlung schillernder Einzelteile lebte, deren Kombination die Erkenntnis jedoch nicht mehrte, sondern aufhob.

Der Regisseur hatte meine Performance gesehen, aber nichts dazu gesagt. Vielleicht fand er ja, dass ich nicht nur ein großes Maul, sondern auch Talent hatte, und wollte mir die Möglichkeit bieten, Erfahrungen zu sammeln. Andererseits konnte er mir, indem er mich augenscheinlich unterstützte, in Wahrheit auf perfide Weise klarmachen, dass ich zwar für ein Leben in den Wolken, jedoch nicht auf der Erde des Planeten "Kunst" geschaffen war. Als ich am Telefon zum ersten Mal darlegte, was ich mit der Gruppe realisieren wollte, lachte er nur. Ich fühlte mich herausgefordert und unterließ es, ihm mitzuteilen, dass ich den inzwischen berühmt gewordenen Schauspieler O. dazu überreden konnte, bei meinem Vorhaben mitzuwirken. Als ich O. kennenlernte, konnte von Ruhm noch keine Rede sein. Um sein Studium zu finanzieren, tat er dasselbe wie ich: Er arbeitete für den Catering-Service der Salzburger Festspiele. Er becircte alle weiblichen Mitarbeiter, die in den Besitz von Karten gelangen konnten, und brachte es zuwege, dass wir ein paar der eindrücklichsten Inszenierungen der Ära Mortier von den besten Plätzen aus miterlebten.

O. hatte sich inzwischen - es war elf Uhr Vormittag - einen Whisky bestellt. "Hör zu, du musst mir keinen Freundschaftsdienst erweisen. Es soll dir Spaß machen. Dir etwas bringen." Ich hatte ihn in seinen letzten Rollen am Burgtheater gesehen, er trieb wie ein Baumstamm durch das seichte Gewässer mancher Inszenierungen. Das Besondere, das er war, drohte unter solchen Bedingungen ein wenig zu verkümmern. Ich wusste, er sehnte sich danach, den Probenplan gegen das leere Blatt unverstellter Wochen und Gedanken einzutauschen.

"Wenn ich sage, ich mach's, dann mach ich's."

Immer weiter: Macbeth

Wir lagen unter grobmaschigen Decken, wie sie beim Bundesheer verwendet wurden, aneinandergedrängt wie ein Rudel Tiere, das Wohlbefinden des Einzelnen abhängig von der Körperwärme der anderen. Als Unterlage diente uns trockenes Laub, das wir vor Einbruch der Dunkelheit gesammelt hatten. Dennoch zitterten die meisten bereits, als das Lagerfeuer noch brannte.

Dem Entfachen des Lagerfeuers war am Vorabend eine jener Auseinandersetzungen vorausgegangen, die unsere Theaterexpedition von Anfang an geprägt hatten. Karl hatte auf unserem Marsch ein Feuerzeug gefunden. "Wirf es weg", forderte Sonja. "Sofort." Gerade Sonja, die am meisten unter der Kälte litt, die unter dem Blätter- und Nadeldach von der dunklen Erde hochkroch. Ihr schmaler, federnder Körper und ihr spitz zulaufendes Gesicht ließen mich an einen Vogel denken, während die Ruhe und Genauigkeit, die in Karls Beruf unabdingbar waren - er war Bibliothekar - entweder auf ihn abgestrahlt oder ihn für diesen Beruf prädestiniert hatten. Als Sonja ihm das Feuerzeug wegnehmen wollte, stieß er sie von sich und umschloss das Feuerzeug fest mit seiner rechten Hand. Es schien, als wollte Sonja ihn anspringen. O. ging dazwischen. "Lass ihm das Feuerzeug." Sonja, die für einen Moment nicht wusste, wohin mit ihrer Wut, bückte sich und warf O. eine Handvoll Erde ins Gesicht. "Bist du deppat, du scheißblöde Kuh?"

Auf den ersten Blick wollte ich nicht mehr, als mit den Teilnehmern des Workshops bei brütender Hitze eine dreitägige Exkursion in ein so gut wie unberührtes Gebiet entlang der ehemaligen grünen Grenze zwischen Tschechien und Österreich unternehmen. Das ganze firmierte unter dem Oberbegriff "IMMER WEITER: MACBETH". Die Grundlage des Liebens, Tötens, Träumens im Macbeth ist das Marschieren; seine Seele ist der Ausnahmezustand, den die permanente Mobilmachung in Zeiten des Krieges bedeutet. So sollte, wer über den Macbeth nachdenkt, ihm auch nachgehen, in anfänglich frohgemuter, schlussendlich ausgebrannter Marschbewegung über die antizipierte Blutlandschaft hinweg, die das Auslaufen der Kräfte gleichmütig über sich ergehen lässt.

Meine Idee rief durchaus wohlwollende Reaktionen hervor, was eher der Tatsache zu verdanken war, dass O. am Workshop teilnahm. Als O. jedoch auf meine Veranlassung hin den Teilnehmern alles wegnahm, was ihnen den Ausflug irgendwie angenehm gemacht hätte, kippte die Stimmung. Keine Handys, keine Taschenlampen, keine Haarbürsten. Statt isolierter und gefütterter Schlafsäcke gab es alte Wolldecken. Sogar das bequeme Schuhwerk nahmen wir ihnen ab und steckten ihre Füße in abgetragene Soldatenstiefel. Nicht einmal O.s Reputation als Burg-Schauspieler konnte diesen Verlust an Bequemlichkeit restlos ausgleichen. So kam es, dass wir bereits die Hälfte der Teilnehmer verloren hatten, bevor wir überhaupt losmarschiert waren. Von den sieben, die uns geblieben waren, verloren wir am ersten Tag weitere drei. Es war Hochsommer, wir kamen durch Zeckengebiet, und zwei Frauen fürchteten sich, gebissen zu werden. Ein Mann empörte sich darüber, dass ich keinerlei Vorkehrungen für den Notfall - einen schlimmen Sturz, einen Hitzeschlag - getroffen hatte. (Was nicht der Wahrheit entsprach, aber ich ließ ihn - der sozialen Dynamik wegen - in seinem Glauben.) "Deserteure" , sagte Sonja. Durch ihren harten Blick und ihren verächtlichen Tonfall hindurch schimmerte ein großes Potenzial an Eifer und Opferbereitschaft. "Ich will nichts weiter hör'n; lasst alle fliehen: Bis sich der Wald von Birnam her bewegt, trotz ich der Angst" , kommentierte O. das Geschehen. "I bin no nie von eim Zeck bissen wordn" , sagte Gerti, eine korpulente Finanzbeamtin mit hennarot gefärbten Haaren, die immer lächelte, wenn man sie ansah, und bereits nach einer Stunde so schwer ins Schnaufen kam, dass ich dachte, sie würde nicht lange durchhalten.

Am Nachmittag war das Wasser verbraucht, und wir trugen schwer an unseren Decken und Vorräten. Ich hatte jedem geraten, sich ausgiebig mit einer Sonnenmilch mit dem höchsten Lichtschutzfaktor einzureiben. Wer es - wie Roland - verabsäumt hatte, hatte bald einen schlimmen Sonnenbrand. Ich fragte ihn, ob er lieber nach Hause gehen wollte. "Dieser Sturm trägt mich zum Gipfel oder stürzt mich jetzt. Ich hab' genug gelebt", gab er mir stolz zur Antwort, worauf O. mit dem Finger auf ihn zeigte: "Er ist verrückt, die, die ihn nicht so hassen, bezeichnen es als Kühnheit." Roland war ein drahtiger Frührentner, dessen eisblaue Augen ein Loch ins Gesicht eines unsicheren Gegenübers brennen konnten. Er hatte als Ziviltechniker gearbeitet und einen Arbeitsunfall gehabt, von dem jedoch keine - zumindest körperlichen - Spuren erkennbar waren.

Wir mussten Wasser suchen. Ich hatte das Gelände zuvor genau erkundet und führte die Gruppe absichtlich in die falsche Richtung. Schon nach einer halben Stunde zeigten sich Auflösungserscheinungen, allen voran bei O., der früher Kampfsport betrieben hatte, sich nun aber lieber bei Wein und Tafelspitz entspannte. "Heast, i hob docht, du kennst di do aus" , herrschte er mich an. "Wo is'n jetzt des Scheiß-Wossa?" - "Von hier aus etwa eine halbe Stunde entfernt in entgegengesetzter Richtung" , erwiderte ich ruhig. Er nahm mich ins Visier. "Soll das heißen, du hast uns absichtlich in die Irre geführt? Kannst du mir bitte erklären, wozu? Am Oasch samma eh scho."

"Es gibt Entscheidungsträger und Befehlsempfänger. Zweitere müssen Befehle nicht verstehen, sie kommen gar nicht dazu, sie sind vollends damit beschäftigt, sie auszuführen, mit heiler Haut davonzukommen." O. hatte sich hingesetzt. Er schüttelte den Kopf. "Deppata." - "Was erregst du dich so? Du bist doch Schauspieler. Bist es also gewohnt, zu tun, was man dir anschafft."

O. sprang auf. Ich lief davon, er rannte mir hinterher, ich spürte seinen Zorn in meinem Rücken. "Gib es auf: Noch eher schlägt dein Schwert die Luft in Stücke, als dass es mich bluten macht." Als er mich eingeholt hatte, hielt ich eine Tasche in der Hand. "Wo hast'n die auf amal her?" Er riss sie mir aus der Hand, sie enthielt eine Thermoskanne mit Kaffee sowie Wundsalbe für Rolands Sonnenbrand und Pflaster für die Blasen an unseren Zehen. O. schüttelte wieder den Kopf.

Das kennst du doch vom Spielen

"Du musst das nicht verstehen. Du marschierst nur. Entscheidungen treffen dich wie ein Blitz. Du ergibst dich ihnen wie einem persönlichen Schicksal. So treibt es dich durch den Krieg, durch Mord, Verrat, Wahn. Immer weiter. Das kennst du doch auch vom Spielen. Das Unerklärliche. Die Leerstelle." Ich lachte. "Der Marquis von O., wenn du so willst."

O. sah mich befremdet an. "Was ist?", fragte ich. "Hier gibt's keinen künstlerischen Betriebsrat, an den du dich wenden kannst. Schluck's, oder lass es sein." Als wir zu den anderen zurückgingen, legte O. seinen Arm um mich und führte seine Lippen ganz nah an mein Ohr: "Mir kommt vor, du inszenierst das alles gar nicht für die paar Leutln da, sondern für mich."

In der ersten Nacht hatten wir kein Feuer. O. warf mir von der Seite immer wieder einen Blick zu, er wartete darauf, dass ich doch noch ein Feuerzeug hervorzauberte. Schließlich gab er auf. "Der Führer will, dass wir die Nacht im Dunkeln verbringen, also verbringen wir sie im Dunkeln." O. erheiterte uns mit Anekdoten aus seinem Schauspielerleben. Dann lauschten wir so lange den Liedern der Nacht, bis einer nach dem anderen vor Erschöpfung einschlief.

Der zweite Tag verlief unspektakulär. Sobald von weitem das Geräusch eines Traktors zu hören war, schlug sich die Gruppe in den Wald, ohne dass ich sie dazu antreiben musste. Von Marschieren konnte bald keine Rede mehr sein. Unsere Füße waren wund, und wir machten uns lieber die Verbände dreckig, als weiter in den Stiefeln herumzulaufen. Wir hielten uns aneinander fest und trieben durch Wald und Wiesen wie ein Schiff, das ein Spielball der Winde und Gezeiten war. Als wir zu einem Bach kamen, tranken wir nicht viel anders als das Wild: Wir gingen in die Knie und tauchten unsere Köpfe in das Wasser. Kurz darauf stolperte O. und ritzte sich an einem Stein eine tiefe Wunde. Wir wollten ihm helfen. "Rührt's mi ned an!" Als er sich die Wade verbunden hatte, sagte er: "Mein Wille wird nicht brechen und nicht zaudern, mein Herz in mir wird nie vor Angst erschaudern." Er sah mir dabei in die Augen, und ich wusste, dass es in diesem Fall mehr war als ein Zitat, das er für den Anlass auswendig gelernt hatte.

Gerti und Roland waren zu diesem Zeitpunkt Marionetten an unseren Fingern, Schlachtvieh, das Macbeth und Banquo ins Feld führten, während Sonja und Karl von sich aus darauf hofften, wie Waffen zum Einsatz zu kommen. O. hatte ein Auge auf mich, suchte die anderen vor meiner Unberechenbarkeit zu schützen. Dennoch konnte auch er nicht verhindern, dass ich Roland das Feuerzeug zusteckte, was schließlich dazu führte, dass Sonja O. Erde ins Gesicht schleuderte.

Am dritten und letzten Tag wachten wir früh auf, blieben jedoch lange liegen. Die Gruppe war jetzt ein geschundener Haufen, den man mit einem Stock vor sich hertreiben musste, wollte man etwas Sinnvolles zuwege bringen.

Eigentlich hatte ich mit Sonja vereinbart, zusammenzubrechen und so zu tun, als hätte sie das Bewusstsein verloren, sodass die anderen in Panik gerieten. Als ich jedoch den Donner hörte, gab ich ihr ein Zeichen. Wir schleppten uns aus dem Dickicht auf ein offenes Feld. Wenig später setzte das Gewitter ein. Kein Schutz, nirgends. Blitze wie böse Gedanken. Wir warfen uns auf den Boden und waren rasch klitschnass. Ich weiß nicht, wie lange wir so lagen, ich weiß nur, dass Gerti sich plötzlich aufrichtete und sich auszuziehen begann. "I wollt schon imma mal nackt durchn Regn laufn, aba i hab mi nie traut." Wenig später waren wir alle nackt und bewarfen uns lachend mit der schlammigen Krume. Unsere Müdigkeit war mit dem Gewitter weitergezogen. Wir fielen uns in die Arme, ich spürte, wie mir im Gewühl jemand an den Schwanz fasste. Schließlich warf O. mich um und schleifte mich einige Meter über den Acker. Dann warf er sich von hinten auf mich und drückte meinen Kopf in den Dreck, dass ich keine Luft mehr bekam. Das wiederholte er drei-, viermal, bis sich die andern auf ihn stürzten und schließlich alle auf mir zu liegen kamen.

Plötzlich hatte ich wieder O.s Lippen an meinem Ohr; was er keuchend hervorbrachte, wehte wie ein schmutziges Banner über den vergangenen Tagen: "Jetzt hab ich auch die Sonne langsam satt und möchte, dass die Welt ein Ende hat. Auf, läutet Sturm! Komm Wind, weh! Komm her, Verderben! Wir werden wenigstens gerüstet sterben." (Peter Truschner (Text) und Nicholas Ofczarek (Hauptdarsteller), ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.09.2008)

  • Artikelbild
    foto: h. corn
  • Artikelbild
    foto: h. corn
  • Er ließ von seinem Opfer ab, und ein Lächeln breitete sich über seinem
Gesicht aus, das genauso viel von Mephisto hatte wie von Margarete.
    foto: h. corn

    Er ließ von seinem Opfer ab, und ein Lächeln breitete sich über seinem Gesicht aus, das genauso viel von Mephisto hatte wie von Margarete.

Share if you care.