Tanzquartier: Vor der hohen Latte

12. September 2008, 09:45
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Das Match im Vorfeld des Intendanzwechsels im Tanzquartier Wien war hart - Von Helmut Ploebst

Das Match im Vorfeld des Intendanzwechsels im Tanzquartier Wien war hart und wenig durchschaubar. Es gab heftige Diskussionen zwischen der IG Freie Theater und der progressiven Tänzerschaft. Die Qualifikation der Findungskommission wurde angezweifelt, eine Aufstockung derselben durchgesetzt. Doch kaum hat sich Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nun für den Münchener Tanzorganisations-Zampano Walter Heun entschieden, erhält die Debatte schon wieder neuen Zündstoff.

Zwei Mitglieder der Findungskommission beschweren sich: Die einstimmig Erstgereihte Kerstin Evert habe ihre Kandidatur am Abend vor der Bekanntgabe der Folgeintendanz zurückgezogen. Sie wollen wissen, warum. Es ist die alte Geschichte: In Wien lösen künstlerische Fragen oft harte Auseinandersetzungen aus, weil es mit der Kommunikation zwischen Kunstschaffenden und Kulturpolitik hapert.

Heun ist kein Kompromisskandidat, aber er bringt auch keineswegs den Ruf eines Visionärs mit. Trotzdem: Man sollte ihn nicht unterschätzen. Er weiß, dass er in ein so elaboriertes, progressives Gebilde wie das Tanzquartier nicht mit dem Stellwagen des Pragmatikers fahren kann. Und er hat mit den heiklen Bedingungen für das Haus, die seine Gesellschaftskonstruktion und seine Position im Museumsquartier vorgeben, klug umzugehen.

Was Heun angesichts der hohen Latte, die Sigrid Gareis gelegt hat, leisten muss, ist der Wechsel vom Münchener Nachbereitungskurator zum präsentatorischen Vordenker in der sich schnell entwickelnden zeitgenössischen Choreografie. Gut möglich, dass er das schafft. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

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