Analyse: Aalglatt gegen angriffig

12. September 2008, 07:15
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Werner Faymann (SPÖ) - Jörg Haider (BZ) - Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

Einige rhetorische Kinnhaken gab es bei diesem TV-Duell. Werner Faymann begegnete dem BZÖ-Chef betont unbeeindruckt und blieb bis zum Schluss der Tempomacher: "Wie oft sind Sie schon vor dem Richter gestanden und wie viele Prozesse haben Sie schon verloren, Herr Haider?"

Die Gestik des SPÖ-Kandidaten war durchwegs geführt und deutlich besser trainiert, als seine Aussprache. - Wer durch die Polypen intoniert, hat eben weniger Resonanzbildung. Doch, kein Nachteil ohne Vorteil: Mangelndes Klangvolumen bedroht nicht. - Oft werden Lieblinge in Komikfilmen "nasenredend" synchronisiert. Mit Erfolg - schließlich vertrauen ihnen sogar unsere Kinder: Spongebob Schwammkopf, Roger Rabbit, oder Duffy Duck - sie alle näseln.

Kärnten-Werbung

Haider schien das Duell immer wenig Freude zu bereiten. Der Oppositionspolitiker hatte ein schweres Spiel und war hörbar verkühlt. Zu seiner obligaten Kärnten-Werbung kam er kaum. - Der SPÖ-Spitzenkandidat ließ ihm wenige Verschnaufpausen. Die Rolle des Advocatus Diaboli, der Jörg Haider inhaltlich auf den kariösen Zahn fühlte, behagte dem Verkehrsminister spürbar. In einigen Sequenzen vermittelte er gar zwischen Haider und sich selbst. - Wie ein praktischer Arzt, der versucht dem reklamierenden Patienten zu helfen. Die "Gerade weil"-Technik war seine stärkste Waffe. - Hier wird der Angriff des Gegenübers abgeschmettert und schlicht umgedreht: "Ganz im Gegenteil, gerade weil ..."

Werner Faymann, 10 Jahre jünger als Haider, präsentierte sich deutlich abgeklärter und staatsmännischer. Er verblüffte sowohl den BZÖ-Chef, als auch die Moderatorin mit Sagern, wie: "Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch den Menschen gut!" Haider kam immer öfter ins Stocken und sah in der Replik oft alt aus.

Selbstgefällig, selbstverliebt

Häufiges Eigenlob und Petzen bei der Moderatorin überzeugt die Wähler wenig und klingt stets nach einer Beteuerungsarie. Bei der mittlerweile 7. Konfrontation langweilt das gegenseitige Unterbrechen den Zuseher. - Werner Faymann präsentierte sich erkennbar siegessicher. Haiders Vorwurf: "Sie waren der Koordinator dieser Regierung" weicht er schnell aus. Lieber lobte er seine eigenen Überzeugungen und die große Koalition.

Haider hatte aber bei diesem TV-Duell deutlich das Nachsehen. Fazit: Faymann gefällt sich, Haider liebt sich. Die TV-Zuseher wurden zu Statisten. Jeder ist sich schließlich selbst genug. Nur Thurnher war live dabei. (Tatjana Lackner/DER STANDARD Printausgabe, 12. September 2008)

 

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