Analyse: US-Strategiewechsel blamiert Islamabad

11. September 2008, 19:06
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Die US-Regierung hat das Vertrauen in Pakistan verloren - Notwendigkeit und Erfolgsaussichten sind umstritten - Analyse von Gudrun Harrer

Frustration und Vertrauensverlust in Pakistan führt dazu, dass die USA bei der Bekämpfung der Taliban jetzt die afghanische Grenze überschreiten. Notwendigkeit und Erfolgsaussichten sind umstritten.

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Washington/Kabul/Islamabad/ Wien - Der Richtungsstreit in Washington wurde also bereits im Juli entschieden, meldet die New York Times: Nach monatelangem Druck der CIA und Widerständen in der US-Armee und in politischen Kreisen hat das Weiße Haus den Befehl für von Afghanistan aus geführte Operationen auf pakistanischem Territorium erteilt, genauer gesagt Operationen ohne Absprache mit der pakistanischen Regierung. Was sich im August abzeichnete, ist jetzt also offiziell.

Die pauschale Zustimmung zu "Hot pursuit"-Grenzüberschreitungen - also Verfolgung im Rahmen von laufenden Operationen - hatten die Amerikaner vom früheren Präsidenten Pervez Musharraf erhalten, ebenso setzten sie ständig unbemannte Drohnen jenseits der Grenze ein. Besonders US-Geheimdienstkreise waren jedoch der Meinung, dass nur die Ausweitung des Kriegs auf Pakistan den in Afghanistan operierenden Extremisten die Rückzugsgebiete, von denen aus sie angreifen, nehmen könne.

Vertrauensverlust

Die US-Entscheidung spiegelt die Frustration über die Entwicklungen in Pakistan und den Verlust des Vertrauens in Regierung und Militär in Islamabad wider. Wobei jedoch die veränderte Politik gegenüber Pakistan den neuen Machthabern in Islamabad - der Volkspartei (PPP) des Bhutto-Witwers Asif Ali Zardari, der vorige Woche zum Präsidenten gewählt wurde - nicht gerade helfen wird. Bei aller Betonung der pakistanischen Souveränität steht Islamabad hilflos da. Musharraf galt zwar als der Mann Washingtons - aber Zardari bestimmt auch nicht als Washingtons Gegenspieler.

Und da ist noch die internationale Dimension. US-Angriffe jetzt auch in Pakistan: Das ist ein gefundenes Fressen für die internationale Djihadistenpropaganda, die vermehrt ausländische Kämpfer anziehen wird.

Denn auch wenn das Gebiet an der pakistanisch-afghanischen Grenze als der Rückzugsort für Al-Kaida gilt, so handelt es sich beim "Aufstand" in diesen Gebieten doch eigentlich um ein lokales Phänomen - wie es ja auch die Taliban sind - mit einer lokalen Agenda. Diese wird jetzt internationalisiert.

Mit ausschlaggebend für die US-Entscheidung dürfte ein Tauziehen um eine geplante pakistanisch-amerikanische Militärkooperation gewesen sein: Demnach habe sich der pakistanische Armeechef Ashfaq Kayani US-Trainingsangeboten für die pakistanische Armee widersetzt, die in den Grenzgebieten zu Afghanistan im Einsatz ist.

Pakistan hat die Anzahl seiner Truppen dort zuletzt erhöht und im Juli eine Offensive begonnen, bei der hunderte Menschen getötet wurden - laut offizieller Version lauter Extremisten. Auch politisch hat Islamabad die Schraube angezogen und im August eine pakistanische Taliban-Organisation verboten. Bei ihrer Politik geht die neue Regierung einen schmalen Pfad, denn eine große Mehrheit der Pakistaner - wie auch der Afghanen - wünscht sich Verhandlungen mit den Radikalen und meint, dass sie an der Macht beteiligt werden müssen, um den Frieden wiederherzustellen.

Soldatenzählen

Für die USA beginnt jetzt das Soldatenverschieben und -zählen: Dabei stehen irakische gegen afghanische Interessen. General David Petraeus hat sich gegen einen zu raschen Truppenabbau im Irak ausgesprochen, in Afghanistan verlangt das US-Militär - und der afghanische Präsident Hamid Karsai - eine massive Aufstockung. 8000 Mann werden bis nächstes Jahr den Irak verlassen, aber nur 1300 Kampftruppen, Marines, sollen angeblich noch heuer in Afghanistan ankommen, der Rest ist Logistik und Support. Da gleichzeitig Truppen in Afghanistan den Turnus beenden, werden dort kurzfristig sogar weniger Kampftruppen im Einsatz sein als im Moment, rechnen Experten vor.

Technikoffensive

Dabei bezweifeln andere Militärs aber auch, ob mehr Soldaten überhaupt den Umschwung bringen können. Sie setzen eher auf technische Überwachung und Aufklärung der Gebiete jenseits der Grenze durch entsprechend ausgestattete Drohnen. Dazu kommt die flächendeckende Beobachtung aller elektronischen Kommunikation.

In dieser Beziehung sind auch die Bewertungen unterschiedlich, wie gut oder wie schlecht es Al-Kaida, deren Führung in dem Gebiet vermutet wird, geht: Sie ist zwar dem direkten US-Zugriff entzogen, kann sich aber, sozusagen in der Falle, auch nicht bewegen oder international etwas koordinieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 12.9.2008)

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