"Von einer Blüte ist keine Rede"

11. September 2008, 19:02

Dennoch tut sich was in der jüdischen Gemeinde: Der Campus im Prater eröffnet

Die jüdische Gemeinde in Österreich hatte in den vergangenenWochen und Monaten viel Publicity - jene, die nicht nur mit der dunklen Vergangenheit Österreichs zu tun hatte.
Vor einem halben Jahr etwa wurde das Sportzentrum Hakoah im Wiener Prater wiedereröffnet. Kommenden Mittwoch soll auch die Übersiedlung der Zwi-Perez-Chajez-Schule von der Castellezgasse in die Simon-Wiesenthal-Gasse befeiert werden. Das Besondere an der Schule: Sie vereint Kindergarten, Volksschule und Gymnasium und bildet durch die Nähe zur Hakoah einen Campus.

Gleichzeitig verbindet sie die Generationen: bei der Hakoah ist auch ein Bildungszentrum und ein Pensionistenheim. "Das ist die größte derartige Schule in Europa" , sagt Ariel Muzicant, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). Den Campus sollen 600 Kinder besuchen. Hat sich die jüdische Gemeinde auf wundersame Weise vermehrt oder warum tut sich so viel in der Gemeinde? "Nein. Es ist eine Wechselwirkung von Angebot und Nachfrage: je mehr Angebot, desto mehr Nachfrage" , sagt Muzikant. Von einer Blüte in der österreichisch-jüdischen Gesellschaft könne aber keine Rede sein.

Auch Martin Engelberg, Mitglied der Gemeinde, sagt: "Es ist ein Aufflackern, aber keine Blüte. Die Frage ist, wie die Kultusgemeinde zu einer Heimstätte werden kann." Denn im Stadttempel in der Seitenstettengasse sei wenig los. Und viele Wiener Juden würden ihre Kinder nicht in eine jüdische Schule schicken. Peter Menasse, Chefredakteur der jüdischen Zeitschrift Nu: "Man muss sich von der Illusion trennen, dass es das blühende jüdische Leben wie vor dem Krieg je wieder geben wird."

Zwischen 15.000 und 20.000 Juden leben heute in Österreich, nur ein Bruchteil von ihnen ist Mitglied in der Kultusgemeinde. Der überwiegende Teil wanderte nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten zu. Vertriebene Juden kehrten kaum nach Österreich zurück. (Marijana Miljković / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

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5 Postings
Die rolle der Österreicher ist im 3. Reich unbestreitbar....

Allerdings wollen die gleichen Österreicher jetzt die Türken mit gleichen Mitteln vertreiben!!

"Vertriebene Juden kehrten kaum nach Österreich zurück."

Stimmt. Sie wurden bekanntlich auch nicht eingeladen.

Das offizielle Nachkriegsösterreich zog es ja vor, sich als "erstes Opfer des Nationalsozialismus" zu betrachten. Da waren die wahren Opfer ja unerwünscht.


Leider wahr!

Trotzdem sich auch viel getan hat. Stichworte Historikerkommission, Anerkennung der Rolle vieler Österreicher als Täter, etc. Dennoch muss leider auch gesagt werden, dass all dies bei einem nicht zu kleinen Teil der Bevölkerung spurlos vorübergegangen ist.

Ganz recht -

erstaunlich ist außerdem eine Verwerfung, die immer häufiger zu beobachten ist: einerseits sind bei vielen die genannten Maßnahmen in der Bewusstseinsbildung spurlos vorüber gegangen, andererseits höre ich immer öfter, und zwar genau von diesen, die einschlägigen Klagen wie: es muss doch mal genug sein!

Spurlos...

bzw. die falschen Spuren hinterlassen hat...

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