Auf dem Gipfel der zweiten Karriere

11. September 2008, 18:40
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Andreas Vevera (36) gewann bei den Paralympics in Peking Tischtennis-Gold und ist Kopf des Tages

Der 36-jährige Paralympics-Debütant konnte es nicht fassen. "Gold für Österreich, und das im Tischtennis-Land China!" Andreas Vevera ist in Peking quasi von sich selbst überwältigt worden. Der Wiener holte sich mit einem überlegenen Finalsieg über den Koreaner Jae-Kwan Cho die Tischtennis-Goldmedaille in der Klasse eins. In dieser sind jene Athleten zusammengefasst, die wie er schwerste Beeinträchtigungen an Armen und Beinen aufweisen, denen der Schläger wegen der Lähmungen fest an ihre Hand angebunden werden muss, um ihn benützen zu können. So fest, dass sogar die Blutzufuhr darunter leidet. Aber so bekommt man zumindest ein bisschen Gefühl für das Gerät und also den Ball.

Dass er sich derart einmal seinen sportlichen Lebenstraum erfüllt, daran hat Vevera bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr keinen Gedanken verschwendet. Der linke Außenstürmer geigte in der Jugend des Wiener Sportklubs auf, kickte sich langsam in die Kampfmannschaft. Dann aber kam der 21. Mai 1988.

Um 17 Uhr - Familie Vevera urlaubte in Lignano - lief ihr Boot auf eine Sandbank. Andreas wollte helfen, es wieder klarzumachen. Er sprang, um das Seil eines Rettungsbootes zu befestigen, ins viel zu seichte Wasser, kam hart auf dem Grund auf. "Plötzlich konnte ich nichts mehr bewegen, nur Augen und Mund. Nach ein paar Minuten unter Wasser - ich sehe das Seil noch heute vor mir liegen - rettete mich mein Vater."

Die Rückholung nach Österreich kostet 70.000 Schilling. Um seinen Halswirbel mit Schrauben und Gewichten zu strecken, werden ihm bei vollem Bewusstsein Löcher in die Schädeldecke gebohrt. Vevera verbringt zwei Wochen in der Intensivstation, sechs Monate im Rehabilitationszentrum "Weißer Hof" in Klosterneuburg. Er bleibt querschnittgelähmt. "Ich musste alles neu lernen. Vom Atmen übers Essen und Trinken bis zum Anziehen und Rollstuhlfahren - alles." Trotz Fortschritten wird ihm klar, dass es keine Rückkehr ins alte Leben mehr gibt.

Durch Rudi Hajek, den dreifachen Paralympics-Sieger im Tischtennis, wurde sein Ehrgeiz wieder geweckt. Mittlerweile leitet Vevera am Weißen Hof die Sektion Tischtennis, spielt seit 2006 sogar in einem Nichtbehindertenverein (TTC Spar). Wie sein altes Leben ist auch sein neues ein normales Leben. Als einziger Top-vier-Spieler seiner Klasse schupft er neben dem Training einen 40-Stunden-Job. Er ist Sekretär in einer Schule für behinderte Kinder in Wien. (David Krutzler, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 12. September 2008)

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    Andreas Vevera kickte einst beim Wiener Sportclub, jetzt ist er Olympiasieger.

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