Jiddischkeit oder jüdische Kultur

11. September 2008, 19:01
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Schafft der Begriff "jüdische Kultur" ein neuerliches Ghetto, oder ist er Ausdruck eines selbstbewussten Lebensgefühls in Wien? Doron Rabinovici, Robert Schindel und Isolde Charim zu Fragen jüdischer Identität und Kultur

Mittwochnachmittag herrschte Verunsicherung unter den Fahrgästen. Auf der Straßenbahn, die vom Wiener Karlsplatz abfuhr, stand "Jerusalem" , drinnen wurden Filme junger Israelis gezeigt und Falafeln serviert. Bis Ende Oktober tourt die "Israel-Bim" als Vehikel für interkulturelle Beziehungen durch die Stadt, am Sonntag um zehn Uhr mit dem jungen Weltmusik-Star Idan Raichel an Bord.

Der wiederum ist einer der Künstler, die am Wochenende beim Festival "Spot on: Jiddischkeit" alle Säle des Wiener Konzerthauses parallel bespielen. Dieses Saison-Eröffnungsfest - einer der ersten eigenen Programmakzente des seit einem Jahr amtierenden Konzerthaus-Chefs Bernhard Kerres - wurde von der Jerusalem Post als "historisches Ereignis", als "Meilenstein" und (irrtümlich) als "erstes Festival für jüdische und israelische Musik, das jemals in Österreich stattfand", gefeiert. Doron Rabinovici erklärt die Begeisterung damit, "dass Österreich üblicherweise noch immer als Land gesehen wird, in dem man sich nicht so gern mit der Vergangenheit beschäftigt" .

Der Schriftsteller mit österreichisch-israelischer Zugehörigkeit nimmt mit einer Lesung am zweitägigen Kultur-Event teil: "Ich halte das Festival wichtig für Wien, weil es zeigt, wie vielfältig all das ist, was unter 'jüdisch' und 'jiddisch' läuft" , sagt er und fügt hinzu: "Wenn die Leute 'Juden' sagen, dann gibt es manchmal immer noch einen verhaltenen Moment im Satz, weil das Wort oft als Schimpfwort konnotiert ist. Was ich an dem Festival gut finde, ist, dass es neben der Folklore, gegen die ich überhaupt nichts sagen möchte, auch moderne Musik in den verschiedensten Formen gibt."

Angesichts des Programm-Kunterbunts von Klezmer-Veteran Giora Feidman bis zum Avishai Cohen Trio stellt sich die Frage, ob man jüdische Kultur definieren kann. Und: überhaupt definieren soll. Schließlich, erinnert Rabinovici an die These Ernst Gombrichs, sei "der Begriff jüdischer Kultur von Hitler und den Seinen erfunden worden" - während sich beispielsweise assimilierte Wiener und Wienerinnen vor 1938 "ihren nichtjüdischen Nachbarn näher gefühlt haben als jenen, die aus den Shtetln des Ostens eingewandert waren" . Die Feststellung des "Andersseins" als erster Schritt zur Distanzierung, zur Diskriminierung, zur Vernichtung.

Erinnerungskultur

Die jüdische Kultur, gar das Judentum selbst in seiner Vielfalt, vergleicht Rabinovici mit einer Pizza, die einmal mit Käse, einmal mit Schinken, mit Paprika, mit Mais oder Zwiebeln belegt werde. "Die einzig wahre Pizza gibt es ebenso wenig wie das einzig wahre Judentum" , folgert er. Und auch der Pizzateig, die Basis, die alle Beilagen trägt, sei kaum greifbar. Allerdings: "Es führt keine jüdische Identität an der Vergangenheit, der Erinnerung vorbei."

Robert Schindel, der sich als "österreichischer Autor jüdischer Herkunft" sieht, bestätigt: "Die jüdische Kultur unterscheidet sich von anderen, weil sie eine Erinnerungskultur ist, eine besondere Form des Geschichtsbewusstseins, und zwar nicht nur in Bezug auf die Shoah, sondern auch in Bezug auf die heiteren Dinge des Lebens. Juden sind als Volk des Buches mit dem Fluch oder Segen des guten Gedächtnisses behaftet - Ausnahmen bestätigen die Regel." Die Veranstaltung im Konzerthaus sieht er als identitätsstiftend, nur zum Titel der Veranstaltung merkt er kritisch an: "Die jiddische Kultur ist mit der Shoah gestorben."

Auch die Wiener Philosophin Isolde Charim hält den Begriff Jiddischkeit für eine "merkwürdige Wahl. Ich kann mit dem Begriff Jiddischkeit nichts verbinden. Modernes jüdisches Leben hat nichts mit Jiddischkeit zu tun." Das Problem von Festivals wie diesen sei, "dass man derartige 'Ecken' für 'jüdische' Kultur eröffnet. Denn was die jüdische Kultur einmal ausgemacht hat, war genau die Loslösung aus diesen Ecken."

Für Charim ist Judentum "strukturelles Maranentum" , nach den zwangsgetauften spanischen Juden des Mittelalters, die sich nach außen hin christlich geben mussten, aber im Geheimen jüdische Riten und Traditionen aufrechterhielten. "Man lebte in zwei Identitäten. Es war mit Leid verbunden, als man sich über eine einzige Identität definieren musste. Heute, wo es die Hegemonie der definierten Identitäten nicht mehr gibt, hat man als Jude einen Vorteil: Man weiß seit Jahrhunderten, wie es sich in mehreren Identitäten lebt."

Leben in vielen Welten

Charim deutet in eine ähnlich Richtung wie Rabinovici: "Das Interessante an jüdischer Kultur ist, dass sie einerseits etwas Eigenes ist und andererseits immer etwas Universales in sich trägt. Amos Oz, Woody Allen, Giora Feidman. Und der jüdische Humor, ob man darüber lacht oder nicht: Das Geheimnis ist, dass Dinge angesprochen werden, die auch Nichtjuden erleben. Weil es eine urbane Erfahrung ist, dass wir immer auch jemand anderer sind. Was angesprochen ist mit der jüdischen Erinnerung, betrifft in der Postmoderne jeden Einzelnen in seiner Existenz: Wir leben in vielen Welten." (Andreas Felber, Andrea Schurian / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

  • "Leben!"  als Ausdruck jüdischer Gegenwart: Das Jüdische Museum in Wien zeigte im Frühjahr 2008 unter diesem Titel Fotos von Margit Dobronyi über den jüdischen Alltag seit 1945.
 
    foto: christian fischer



    "Leben!"  als Ausdruck jüdischer Gegenwart: Das Jüdische Museum in Wien zeigte im Frühjahr 2008 unter diesem Titel Fotos von Margit Dobronyi über den jüdischen Alltag seit 1945.

     

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