Willkommen in der Normalität

11. September 2008, 14:03
195 Postings

Das ÖFB-Team hat das Zwischenhoch eindrucks­voll nicht bestätigt. Die WM 2010 in Südafrika ist nach dem 0:2 in Litauen wieder in realistischer Ferne. Teamchef Brückner analysierte kurz

Wien/Marijampole - Es ist nur ein Gerücht, dass Österreich am Mittwoch in und gegen Litauen deshalb 0:2 verloren hat, weil Emanuel Pogatetz felsenfest davon überzeugt gewesen ist, gegen Lettland gespielt zu haben. Der Verteidiger beharrte bei seiner Analyse auf "Lettland", man habe gegen die "Letten" keine Mittel gefunden, die "Letten" seien zweikampfstark gewesen. Dass Pogatetz bis zum nächstem Spiel hundert mal "Litauen" schreiben muss, stimmt natürlich nicht. Teamchef Karel Brückner ist zwar ein strenger Trainer, aber so brutal in seinen Erziehungsmaßnahmen auch wieder nicht. Zumal am Tag danach sein Assistent Jan Kocjan zweimal den "Jimmy Hartwig" gelobt hat. Gemeint hat er Jimmy Hoffer, der wurde mach dem 0:2 eingewechselt und hat das halbtote Angriffsspiel belebt.

Brückner, dem aufgrund des 3:1 gegen Frankreich Titel wie "Wundertrainer" verliehen wurden, ist jedenfalls in der österreichischen Realität angekommen. Er bemängelte die "Ineffizienz in der Offensive", vermisste "Gefahr aus der zweite Reihe". Brückner lehnt die öffentliche Aufarbeitung eines Fußballmatches strikt ab, würde er tschechisch reden, könnte man sein Widerwillen kaum deutlicher erkennen. Immerhin erfüllt er die Pflichttermine. "Die Litauer agierten mit hoher Geschwindigkeit, das 3:0 gegen Rumänien war kein Zufall." Es ist sinnlos, Brückner danach zu fragen, ob die Taktik vielleicht zu vorsichtig war, man müsse zwischen Frankreich und Litauen (für Pogatetz Lettland) doch unterscheiden. Waghalsige probierten es trotzdem, er antwortete: "Man muss zunächst hinten dicht machen, darf nicht ins offene Messer laufen. Bis zum 0:1 haben sich die Mannschaften neutralisiert, nach dem 0:2 haben wir reagiert." Hartwig (Hoffer) kam.

Brückners System ist auch auf Marc Janko zugeschnitten, der fiel wegen eines Magen-Darm-Virus aus. Stefan Maierhofer sollte den Part übernehmen. Die Niederlage an einer Person aufzuhängen ist natürlich unzulässig, aber der Betreuerstab hätte wissen können, dass die Nominierung von Maierhofer als Solo-Spitze zumindest kein Geniestreich sein kann. Er mag in Rapids System passen, aber da hat er neben sich den Hartwig oder Hoffer und um sich Steffen Hofmann und Branko Boskovic, die den nicht uninteressanten Stil des Lulatsch akzeptieren. Gegen Litauen verlor Maierhofer nahezu jedes Kopfballduell, das ist bei einer Größe von 2,02 Metern beachtlich. Er beherrschte den Moment des falschen Absprungs.

Drei statt sechs

Ob es nun ein Fehlstart in die WM-Qualifikation gewesen ist, darüber streiten die Experten. "Drei Punkte sind drei Punkte" sagte Brückner. Sechs wären doppelt so viele gewesen, damit hatte er vollkommen recht. Die meisten Spieler sparten in Marijampole mit Selbstkritik, beklagten Pech, und sie vergaßen darauf hinzuweisen, dass gegen Frankreich das Glück quasi der 13. Mann gewesen ist. Der zwölfte war das Publikum. Die Qualifikation geht am 11. Oktober weiter, der Besuch auf den Färöer steht an. Für Pogatetz: Färöer, nicht Island. Brückner wird den Kader praktisch unverändert lassen. Die Färinger unterlagen daheim Rumänien 0:1, Kocian kündigte eine Systemänderung an. "Wenn wir da über irgendetwas anderes als über einen Sieg sprechen würden, wären wir im falschen Film." Das Drehbuch sieht vor, dass vier Tage später, am 15. Oktober, Serbien nach Wien kommt. Das Happel-Stadion ist bereits ausverkauft. Kapitän Andreas Ivanschitz. "Toll, die Euphorie hält an."

Die Litauer führen die Gruppe sieben an, ihr portugiesischer Trainer Josef Couceiro hält Platz zwei trotzdem für unrealistisch. Übrigens auch für Österreich. Lokale Medien berichteten, dass ein Gäste-Kicker ein Loch in die Kabinenwand getreten hat. Das stimmte dann fast zuversichtlich, immerhin einer war im richtigen Film. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 12. September 2008)

 

 

Share if you care.