Arme Kinder werden bei Schulwahl benachteiligt

11. September 2008, 14:14
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Lehrer geben Empfehlungen für weiterführende Schulen eher an Kinder aus höheren sozialen Schichten - Nicht nur Noten ausschlaggebend

Deutschland -  Kinder aus einer niedrigen sozialen Schicht werden einer Studie zufolge bei den Empfehlungen für weiterführende Schulen benachteiligt. Bei gleicher Leistung haben sie eine geringere Chance auf eine solche Empfehlung als Kinder aus einer hohen Sozialschicht, wie eine am Mittwoch veröffentlichte Studie der Universität Mainz zeigt. Die schlechteren Bildungschancen von Migrantenkindern hängen demnach weniger mit ihrem Migrationshintergrund zusammen als vielmehr mit ihrem durchschnittlich niedrigeren

Nicht nur Schulleistung spielt eine Rolle

Stefan Hradil vom Institut für Soziologie der Mainzer Uni untersuchte im März 2007 alle 35 staatlichen Grundschulen in Wiesbaden mit 103 vierten Klassen und 2.032 Schülern. Dabei habe sich gezeigt, dass Grundschullehrer "offenbar nicht nur aufgrund von Schulleistungen über die Empfehlung" entschieden, "die sie für die weiterführende Schule nach der vierten Klasse abgeben, sondern auch aufgrund der sozialen Herkunft der Kinder". Es gebe nur wenige vergleichbare Studien, aber es sei anzunehmen, dass die Situation an vielen anderen Orten Deutschlands ähnlich sei, erklärte Hradil. 43 Prozent der Wiesbadener Grundschüler hatten einen Migrationshintergrund, das heißt mindestens ein Elternteil des Kindes oder das Kind selbst wurde nicht in Deutschland geboren. Von ihnen lebten rund 45 Prozent in Armut, während es bei den Kindern ohne Migrationshintergrund nur rund 17 Prozent waren. Nahezu 46 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund und 23 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund lebten in einer bildungsfernen Sozialschicht.

Empfehlung nur für 14 Prozent der Unterschichtskinder

Es zeigte sich, dass die Noten von Kindern der Unterschicht in Mathematik und Deutsch durchschnittlich um mindestens eine Note schlechter waren als die der Oberschichtkinder. Demgegenüber schnitten Kinder mit Migrationshintergrund im Durchschnitt nur etwa 0,2 bis 0,3 Notenpunkte schlechter ab als einheimische Kinder. Kinder aus der Oberschicht erhielten zu 81 Prozent eine Gymnasialempfehlung, gegenüber nur 14 Prozent der Kinder aus Unterschichthaushalten. Der deutlichste Indikator für eine Gymnasialempfehlung war der Studie zufolge das Bildungsniveau der Eltern. Die Bildungsempfehlungen seien selbst dann eine Frage der sozialen Herkunft, wenn die Schüler die gleichen Leistungen brächten. Zwar seien die Noten selbst immer noch der wichtigste Einflussfaktor dafür, ob die Empfehlung für ein Gymnasium erteilt werde oder nicht. Betrachte man aber nur Kinder etwa mit der Durchschnittsnote 2,0, dann bekämen Kinder aus der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent eine Gymnasialempfehlung, während in der höchsten Gruppe nahezu alle Kinder, nämlich 97 Prozent, eine Empfehlung für das Gymnasium erhielten. Bei schlechteren Noten habe die soziale Herkunft eine noch größere Bedeutung.

Weniger Chancen für Migrantenkinder

Vergleicht man Kinder mit und ohne Migrationshintergrund, dann zeigte sich, dass Kinder ohne Migrationshintergrund zu 66 Prozent eine Gymnasialempfehlung erhielten und Kinder mit Migrationshintergrund nur zu 50 Prozent. "Dieser Abstand lässt sich aber nahezu vollständig auf die schlechtere Einkommens- und Bildungsposition der betroffenen Haushalte mit Migrationshintergrund zurückführen", heißt es in dem Bericht. Die schlechteren Bildungschancen von Migranten seien also letztlich ein "Unterschichtungsphänomen". (AP)

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