"Man darf nicht wie seine Mutter denken"

11. September 2008, 17:48
29 Postings

Mit "Der kleine Bruder" beendet Sven Regener seine erfolgreiche Romantrilogie über "Herrn Lehmann" - der Berliner Autor im Interview

Mit Christian Schachinger sprach Regener über das alte Westberlin und Kung-Fu im Nachtleben.

Standard: Herr Regener, Sie verhandeln in Ihrer jetzt abgeschlossenen Lehmann-Trilogie auch den Mythos des alten Westberlin. Ende der 70er-Jahre, Anfang der 80er-Jahre musste man als Tunichtgut und Bundeswehrflüchtling verpflichtend dorthin ziehen. Was ist von diesem Mythos geblieben?

Sven Regener: Die Mauerromantik ist natürlich vorbei. Aber grundsätzlich ist Berlin die mit Abstand größte deutsche Stadt, das darf man nicht vergessen. Was heute überhaupt nicht mehr funktioniert, ist dieses Gefühl, in Berlin und damit im Ausland zu sitzen. Man legte früher als Zuziehender zwischen sich und die Familie zwei Grenzen. Die Hürde war hoch. Herrn Lehmanns Eltern tun sich im ersten Teil meiner Trilogie nicht umsonst schwer, nach neun Jahren, während derer ihr jüngster Sohn schon in Berlin wohnt, ihn in dieser Stadt zu besuchen. Ihm ist das ja auch gar nicht recht. Wenn man Ende der 70er-Jahre nach Westberlin gegangen ist, war man weg. Man wohnte sozusagen in Russland.

Standard: In Der kleine Bruder wird das am Anfang sehr schön geschildert. Herr Lehmann fährt mit einem Punkerfreund, der früher in der Blasmusik gespielt hat, nachts nach Berlin und sucht die Metropole. Aber nach der Zonengrenze hat er das Gefühl, dass da überhaupt nicht die versprochene Metropole ist, die er sich erträumte.

Regener: Frank Lehmann geht nach Berlin, weil er sich von seinem dort lebenden älteren Bruder Rat erhofft. Ob das nun eine provinzielle Hoffnung ist, kann ich nicht sicher sagen. In Deutschland gibt es, schlicht gesagt, ja auch nichts, das unprovinziell wäre. In Hamburg ist es doch auch nicht mondäner als 20 Kilometer im Dorf gleich daneben. Westberlins Kiezszene funktionierte doch immer schon wie ein Dorf. Versuchung und Paranoia sind diesbezüglich entscheidende Begriffe. Die ganze Transitgeschichte war für alteingesessene Berliner wie für frisch zugezogene Provinzeier extrem verstörend. Das ist ein wichtiger Aspekt an der ganzen Lehmann-Geschichte. Westberlin konnte nicht ins Umland ausstrahlen. Deshalb fehlte wohl auch die ländliche Verankerung, das Ausfransen in die Forstsause. Ab dem Funkturm begann die Stadt. Dichte Besiedelung, toller Effekt. Ich wollte in Herr Lehmann genau das zeigen. Tolle Zeiten, toller Ort.

Standard: Die aus der Ferne verklärte Berliner Lumpen-Boheme stößt Frank Lehmann in Der kleine Bruder aber auch schnell einmal ab, er wirkt enttäuscht von der Realität. Zu Hause im Dorf scheint alles heller zu strahlen als dann tatsächlich in irgendwelchen Kreuzberger Absturzkneipen.

Regener: Das ist der erste Schritt zum Einheimischendasein. Der Berliner ist notorisch schlecht gelaunt und gleichzeitig wurschtig. Er zieht nicht jubilierend durch die Straßen. Das ist ein Fakt.

Standard: Man wird erst Teil der Szene, wenn es einem egal ist, ob man zu ihr gehört oder nicht.

Regener: Lehmann hat ganz klare Bedürfnisse. Er braucht eine Wohnung, er braucht Arbeit, er muss da Leben. Irgendwo muss er anfangen. Wenn man in eine Stadt kommt, ist man erst einmal noch nicht richtig da, man befindet sich in einer Zwischenzeit. Aber er merkt dann eben auch sehr schnell, dass er die ganze Zeit eigentlich schon dabei und mitten in der Szene drin gewesen ist. Nach 48 Stunden in Berlin hat sich die Sache für Lehmann eigentlich auch schon wieder erledigt. Er merkt das aber noch gar nicht.

Standard: Der ältere Bruder von Lehmann, ein bildender Künstler sagt: So tief darf man niemals sinken, dass man als Kellner oder Taxifahrer arbeitet.

Regener: Ja, aber der kleine Bruder sagt dann, das mache ich eigentlich ganz gern. Das zeigt, wie souverän er eigentlich ist. Das wirkt zwar vordergründig etwas dödelig, zeigt aber eigentlich seine Coolness. Ein echter Held. Kung-fu-mäßig. Er hat keine Schusswaffe, kommt aber trotzdem klar. Ich bin Kellner, ich mach's halt gern! Da muss man sich nicht rechtfertigen oder schämen, für ihn funktioniert dieser Lebensentwurf so.

Standard: Eine pragmatische Lebenseinstellung, die mit jenen seines künstlerischen Umfelds konterkariert. Wobei doch in den 80er-Jahren von den coolen Leuten auch schon gesagt wurde, Berlin sei ein Dorf und New York das einzig Wahre.

Regener: Ja, schon, aber es war eine coole Zeit. Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris oder Malaria!, bildende Künstler wie Kippenberger und so weiter, das hatte natürlich massiv mit Westberlin zu tun und wäre woanders so nicht möglich gewesen. Ich wollte mit der Lehmann-Trilogie allerdings nicht ein Gesamtpanorama der damaligen Zeit bieten, sondern einfach zeigen, wie sich das anhand einer Einzelperson anfühlt.

Standard: Sie schildern im kleinen Bruder einen Künstler mit dem für die damalige Zeit prototypischen Namen P. Immel, der ein Haus erbt und sich dort als kreativ widerständiger Hausbesetzer und als Sänger der Performancegruppe Dr. Votz mit offen gezeigtem Genitalschmuck inszeniert. Ein hübsches Bild. Gab es solche Leute damals wirklich?

Regener: So direkt und im Detail nicht, aber das Bild ist doch Klasse! Die "ArschArt"-Galerie! Gute Idee! Und alles in allem sehr realistisch. Allerdings weiß man doch, dass ich da eher abschwäche. Da gab es doch früher viel extremere Sachen und Figuren. Die Frage ist, wie integriert man so etwas in sein normales Leben? Sowas macht man halt in dem Alter. Kunst und so. Nach einer halben Stunde ist das fad: Drogen, sich amüsieren.

Standard: Sie schildern ein Zeitgefühl als nostalgischen Rückblick einer Generation der heute zwischen 40- und 50-jährigen.

Regener: Nostalgie ist das falsche Wort. Alles, was man in einem Roman findet ist natürlich historisch verklärt. Das ist ein falscher Glanz, das Wesen der Kunst. Wichtig war mir ein Leben zu schildern, das man nach einem Zusammenbruch, wie ich ihn in Neu Vahr Süd schilderte, wieder neu aufbaut. Und das macht Frank Lehmann mit Bravour. Das hat natürlich auch mit Glück und Zufall zu tun. Das jemand dieses Talent für den Tresen in sich entdeckt.

Standard: Von Falco gibt es den schönen Spruch, dass jemand, der sich an die 80er-Jahre erinnern könne, nicht dabei gewesen sei. Die Realität der ehemaligen Protagonisten hat dann ja wohl 20 Jahre später auch sehr regelmäßig mit Therapien und Entzug zu tun.

Regener: Ja, mein Gott, die Leute waren damals alle total jung. Da verträgt man jede Menge Drogen, kann so viele Zigaretten rauchen, wie man will - und saufen, bis die Ohren abfallen. Am nächsten Mittag ist das alles wieder vergessen. Herrliche Sache. Da sieht man auch toll aus, wenn man besoffen ist. Wenn man 40 oder 50 ist, ist das nur noch tragisch. Ein 20-jähriger Kettenraucher wirkt sexy, ein 40-jähriger ist einfach nur ein alter Depp.

Standard: Wird die Lehmann-Trilogie noch ein kleinen Nachschlag bekommen?

Regener: Das ist nicht geplant und mehr als diese drei Bücher habe ich auch nicht. Jetzt ist Frank Lehmann durch. Obwohl ich den Mann wirklich sehr gern habe. Wo trifft man schon jemanden, der keinen Neid und keine Missgunst in sich trägt? Neun Jahre Berlin, wo er ein gutes, zufriedenes Leben hat, das ist doch toll.

Standard: Das Bild einer Generation, die sich dann ins Bürgerliche verabschiedet und Platz für die Jungen macht.

Regener: Darauf gibt es keinen Hinweis. Lehmann sagt nur im ersten Teil, es mache ihm keinen Spaß mehr, weil sich sein Umfeld verändert, sein bester Freund in der Irrenanstalt landet. Er hat ein Job mit sehr niedrigem Sozialprestige. Mein Gott, als ob es darauf ankäme. Es kommt darauf an, wie lange es ihm Spaß macht oder nicht. Durch den Mauerfall sind dann ja auch nicht völlig andere Leute in die Stadt gekommen. Das ging doch alles so wie bisher weiter. Es geht um Folgendes: Auch die schönste Wohnung kann einem einmal zum Hals heraushängen. Dann muss man umziehen. Wenn Lehmann tatsächlich der in der Kritik immer wieder geschilderte Antiheld wäre, warum identifizieren sich dann so viele Leser mit ihm?

Standard: Der immer wieder aufflackernde Anarchismus der Figur ist ein möglicher Anhaltspunkt.

Regener: Gib dem Berliner ein Amt und du lernst ihn kennen! Das hat Lehmann als Tresenmann nicht. Er mißbraucht seine Macht nicht.

Standard: Würden Sie die Lehmann-Trilogie als Unterhaltungsliteratur bezeichnen?

Regener: Ich habe große Probleme mit diesem Begriff. Was ist dann das andere? Nicht unterhaltende Literatur? Langweilerliteratur? Es gibt Leute, die mit Peter Handke große Freude haben. Und es gibt andere, die spüren dann diese Freude eben nicht, wenn sie Handke lesen. Und die sollten das dann lassen. So einfach ist das und so ist das mit allen Autoren. Ein Roman muss unterhaltend sein. Wenn dem Leser der Faden reißt, dann war es das.

Standard: Geht die leichte Form dann auch leicht von der Hand?

Regener: Es ist keine leichte Form. Es ist, um es mit den Worten von Brecht, aber in völlig sinnentstelltem Zusammenhang zu sagen, das Einfache, das schwer zu machen ist. Naja, und manchmal auch leicht. Man muss bestimmte Grundvoraussetzungen klären. Bei den Lehmann-Büchern heißt das konkret: Ich - als Leser wie als Autor - weiß nichts, was er nicht weiß. Aber ich kenne ihn. Ob jemand zum Beispiel ein grünes oder rotes Hemd trägt, ist Frank Lehmann wurscht. Das nimmt er nicht wahr. Deshalb mache ich das als Autor auch nicht. Das ist wichtig. Längere Gedankenspiele Lehmanns realistisch darzustellen, darum ging es mir oft. Die Sprunghaftigkeit, das hat natürlich sprachliche Folgen. Ablenkung von links und rechts, der Aufbau einer Gedankenlawine, banale Erkenntnisse, persönliche Erfahrungen, individuelle Bezugsgrößen ...

Standard: Bundeswehrweisheiten wie: Man darf auf den Gegner nicht immer reagieren.

Regener: Genau. Man darf nicht wie seine Mutter denken. Vergangenheit abschneiden, beobachten, in einer neuen Stadt neue Referenzpunkte aufbauen. Alle haben in Lehmanns Welt ständig einen Kater, reden auf einer Metaebene. Alles kann aber auch Kunst sein. Da ist dann Lehmann eben vorsichtig. Das ist doch klug von ihm. Reden in der Szene bedeutet doch auch immer Kung-fu-Kämpfe. Zu 90 Prozent bestehen diese aus Finten und Täuschungsmanövern. Da wird ja kaum je getroffen, bis einer dann endlich nach endlosen Salti und Herumwirblern doch einmal einen Schlag landet und auf den anderen einhaut. Das aggressive Geschwätz im Nachtleben neutralisiert sich ständig selbst. Das leere Wortgeklingel hat schließlich auch eine eigene Bedeutung.

Standard: In Österreich wird dieses Parlieren nicht umsonst auch als "fechten" oder "Schmäh führen" bezeichnet.

Regener: Trotzdem hat das seine Bedeutung, das sind ganz zentrale Lebensäußerungen. Sounds wonderful, means absolutely nothing. "Schmäh" ist ein tolles Wort, das kann einem ja keiner richtig erklären, das ist halt auch so eine herrliche, österreichische Nebelbombe, die man da wirft. Klingt auch super, Schmäh. Sprache muss gut klingen. In Songs wie in Romanen. Die Bedeutung ist dann zweitrangig. Die Liebe zum Wortgetreuen ist sehr deutsch. Bibelexegese und so weiter. Deshalb wurde Rock'n'Roll ja wohl auch in den USA und nicht in Deutschland erfunden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

  • Autor Sven Regener: "Die Liebe zum Wortgetreuen ist sehr deutsch. Deshalb wurde Rock'n'Roll in den USA und nicht in Deutschland erfunden."
Zur Person:Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. Er lebt als Sänger der Band Element of Crime in Berlin. Seine Romane "Herr Lehmann", "Neue Vahr Süd"  und jetzt "Der kleine Bruder"  gelten als Publikumsrenner einer Generation 40 plus.
 
    foto: charlotte goltermann

    Autor Sven Regener: "Die Liebe zum Wortgetreuen ist sehr deutsch. Deshalb wurde Rock'n'Roll in den USA und nicht in Deutschland erfunden."

    Zur Person:
    Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. Er lebt als Sänger der Band Element of Crime in Berlin. Seine Romane "Herr Lehmann", "Neue Vahr Süd" und jetzt "Der kleine Bruder" gelten als Publikumsrenner einer Generation 40 plus.

     

Share if you care.