Körperbewegung im Tanzquartier Wien

11. September 2008, 12:13
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Walter Heun, Mitbegründer der Tanzplattform Deutschland, löst Sigrid Gareis 2009/10 als Intendant ab

Wien - Am Tag nach der Saisonpressekonferenz des Tanzquartiers Wien (TQW) gab Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) die Nachfolge von Gründungsintendantin Sigrid Gareis bekannt. Wieder ist München die Stadt, aus der eine TQW-Leitung kommt: Walter Heun hat das Auswahlverfahren geschafft.

Der 46-Jährige ist seit den 80ern als Tanzorganisator aktiv. Als Mitbegründer der Tanzplattform Deutschland, als Gründer des kleinen Festivals Tanzwerkstatt Europa und des Nationalen Performance Netzes (NPN) 1991 sowie als Betreiber der Veranstaltungsfirma Joint Adventures brachte sich Heun offensiv in die Tanzlandschaft ein. Von 1999 bis 2004 arbeitete er als Leiter von Luzerntanz, der von Intendantin Barbara Mundel forcierten, von Dominique Mentha abgeschossenen modernen Tanzabteilung des Luzerner Stadttheaters.

Mailath-Pokorny berichtete, die Entscheidung für Heun sei "aufgrund des vorgelegten Konzepts und seiner Erfahrung" gefallen. Er erwarte, dass "die Arbeit des TQW in ihrer Internationalität, ihrem performativen Herangehen und ihrer internationalen Vernetzung weitergeführt wird" . In Wien habe der Tanz mit dem TQW, ImPulsTanz und brut zuletzt "einen großen Sprung gemacht" . Die Stadt gebe jährlich 6,5 Mio Euro für Tanz/Performance aus, die Tendenz sei steigend. Der Bund müsse sich künftig an der Einrichtung Tanzquartier Wien beteiligen.

"Das Tanzquartier ist international als offener Denkraum etabliert" , sagt Heun, und als solcher sicher ein Vorreiter. Die eben begonnene, noch stärkere Öffnung sei der "Utopie von einem Tanzhaus" gewidmet: "Künftig kann die weitere Ausrichtung in einer Bündelung der Aktivitäten, auf einer stärkeren Präsenz und deutlicheren Positionierung des TQW liegen." Gemeinsam mit den Mitarbeitern werde er die Frage erörtern, "welche Rolle der bewegte Körper im Raum" spiele, ohne Bisheriges zu negieren. Wesentlicher Teil seiner, Heuns, Herangehensweise sei weiters die Strukturförderung in Form von Vernetzungsarbeit.

Sehr schnell reagierten die Wiener Grünen ("Wir bedauern, dass keine der exzellenten Bewerberinnen zum Zug gekommen ist!" ). Choreograf Daniel Aschwanden kommentiert: "Heun ist ein Pragmatiker mit großen organisatorischen Talenten." Dessen Frage nach dem "bewegten Körper" sei "eine Herausforderung, diskursiv auch eine gefährliche" . Darüber hinaus sei es Thema, über einen Wechsel in der Geschäftsführung nachzudenken. Mailath-Pokorny hält die Ablösung von Ulrike Lintschinger in dieser Funktion nicht für notwendig.

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Kommentar:
Vor der hohen Latte

Das Match im Vorfeld des Intendanzwechsels im Tanzquartier Wien war hart und wenig durchschaubar. Es gab heftige Diskussionen zwischen der IG Freie Theater und der progressiven Tänzerschaft. Die Qualifikation der Findungskommission wurde angezweifelt, eine Aufstockung derselben durchgesetzt. Doch kaum hat sich Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny nun für den Münchener Tanzorganisations-Zampano Walter Heun entschieden, erhält die Debatte schon wieder neuen Zündstoff.

Zwei Mitglieder der Findungskommission beschweren sich: Die einstimmig Erstgereihte Kerstin Evert habe ihre Kandidatur am Abend vor der Bekanntgabe der Folgeintendanz zurückgezogen. Sie wollen wissen, warum. Es ist die alte Geschichte: In Wien lösen künstlerische Fragen oft harte Auseinandersetzungen aus, weil es mit der Kommunikation zwischen Kunstschaffenden und Kulturpolitik hapert.

Heun ist kein Kompromisskandidat, aber er bringt auch keineswegs den Ruf eines Visionärs mit. Trotzdem: Man sollte ihn nicht unterschätzen. Er weiß, dass er in ein so elaboriertes, progressives Gebilde wie das Tanzquartier nicht mit dem Stellwagen des Pragmatikers fahren kann. Und er hat mit den heiklen Bedingungen für das Haus, die seine Gesellschaftskonstruktion und seine Position im Museumsquartier vorgeben, klug umzugehen.

Was Heun angesichts der hohen Latte, die Sigrid Gareis gelegt hat, leisten muss, ist der Wechsel vom Münchener Nachbereitungskurator zum präsentatorischen Vordenker in der sich schnell entwickelnden zeitgenössischen Choreografie. Gut möglich, dass er das schafft. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Aus München in das tanzende Wien: Walter Heun

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