Kalter Krieg kehrt nach Lateinamerika zurück

12. September 2008, 19:06
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Diplomatie-Krise zwischen Washington und den linksgerichteten Regierungen in Venezuelas und Boliviens

Es wirkt wie die Neuauflage des Kalten Krieges auf lateinamerikanischem Boden. Erst wirft Bolivien den US-Botschafter wegen angeblicher Anstiftung zum Bürgerkrieg aus dem Land, dann zieht Venezuela nach.

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Caracas / La Paz / Puebla - "Geh zum Teufel, scheiß Yankee", rief Venezuelas Staatschef Hugo Chávez am Donnerstagabend auf einer Wahlkampfveranstaltung in Caracas und drohte den USA damit, den Ölhahn abzudrehen, sollten sie ihn angreifen. Chávez forderte US-Botschafter Patrick Duddy zum Verlassen des Landes auf und berief zugleich Venezuelas Missionschef in Washington ab.

Diesmal findet der diplomatische Schlagabtausch zwischen den USA und den linken lateinamerikanischen Staatschefs in einem gefährlichen Szenario statt. In Bolivien kommt es seit einigen Tagen zu schweren Unruhen in den nach Autonomie strebenden, von rechten Gouverneuren regierten Provinzen. Das Land droht unregierbar zu werden.

Die USA ihrerseits haben kürzlich die IV. Flotte im Atlantik reaktiviert und lassen Kampfflugzeuge in venezolanischen Luftraum eindringen. Als Retourkutsche kauft Chávez russische Waffen und dient seine Militärbasen zu Übungszwecken den Russen an, die - gestärkt durch ihren Erfolg im Georgien-Konflikt - die Chance auf neue Einflusssphären wahrnehmen und zwei Langstreckenbomber in die Karibik entsandt haben.

Stellvertreterkriege

In den 1960er-Jahren bis tief in die 1980er hinein war Lateinamerika schon einmal Schauplatz eines globalen Konflikts. Die geplante Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba brach 1962 fast den dritten Weltkrieg vom Zaun. Später lieferten sich linke Guerilleros und rechte Diktatoren blutige Stellvertreterkriege in Mittelamerika. Dann fiel die Berliner Mauer, Friedensverträge beendeten die Kriege, und Lateinamerika verschwand von der Agenda der Supermächte.

Dass sie den Subkontinent nun wiederentdecken, ist kein Zufall. In Zeiten steigender Rohstoffpreise ist Lateinamerika mit seinen Reserven an Erdöl, Erdgas und Mineralien wie Kupfer, Gold, Erz und Nickel strategisch wichtig geworden. Für Russland ist der Subkontinent nach Ansicht des Analysten Andres Oppenheimer Bestandteil psychologischer Kriegsführung, um den Westen zu Zugeständnissen in Osteuropa zu zwingen.

Heute gibt es in Lateinamerika eine dritte, aufsteigende Macht: Die Chinesen, die ihre rasch wachsende Volkswirtschaft versorgen müssen, haben sich massiv in Lateinamerika eingekauft.

Gleichzeitig schwand der Einfluss der USA - teils durch politisches Desinteresse, teils durch den Linksruck in Lateinamerika. Insbesondere Bolivien und Venezuela schrieben - verbündet mit Nicaragua und Kuba - den Kampf gegen den US-Imperialismus auf ihre Fahnen und enteigneten US-Unternehmen. Desgleichen will der linke ecuadorianische Präsident Rafael Correa den Vertrag für die US-Militärbasis in Manta nicht verlängern. Derzeit suchen die USA nach einem neuen Standort - neben dem Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Venezuela ist auch Boliviens Nachbarland Peru im Gespräch. Die Militärbasen sollen vorrangig der Drogenbekämpfung und Aufklärung dienen.

Flottenaufmarsch als Signal

Gleichzeitig wurde die einst im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland und Japan eingesetzte IV. Flotte für "humanitäre Missionen" wiederbelebt - sie ist aber mit modernstem Kriegsgerät ausgestattet und Beobachtern zufolge ein deutliches Signal, dass die US-Regierung nicht bereit ist, Einflusssphären so ohne weiteres zu verlieren.

Bei den Protesten in Bolivien wurde auch ein Attentat auf die Gasleitung verübt, die die Hälfte des in Brasilien konsumierten Gases liefert. Präsident Evo Morales - ein ehemaliger Kokabauer und daher sehr suspekt für Washington - warf dem US-Botschafter vor, die Unruhen zu schüren und einen Umsturz anzustreben - ähnlich wie in Chile 1973. Er forderte ihn zum Verlassen des Landes auf, worauf Washington mit der Ausweisung des bolivianischen Botschafters antwortete.

Das mittelamerikanische Honduras hat sichan die Seite Venezuelas und Boliviens gestellt. Präsident Manuel Zelaya sagte am Freitag einen Empfang des US-Botschafters ab, bei dem der Diplomat sein Beglaubigungsschreiben überreichen wollte. "Die Regierung hat entschieden, die Akkreditierung des neuen Botschafters aus Solidarität mit Bolivien aufzuschieben", hieß es in Regierungskreisen. Zelaya hat das Land enger an Venezuela herangerückt, nachdem es lange ein enger US-Verbündeter gewesen war.

Explosives Szenario

Auch beim weltweit fünftgrößten Erdölexporteur Venezuela braut sich eine Krise zusammen. Trotz seiner Niederlage beim Verfassungsreferendum im Dezember beschleunigt Chávez seinen Sozialismus des 21. Jahrhunderts, will per Referendum doch noch seine unbegrenzte Wiederwahl ermöglichen und stößt dabei immer mehr eigene Leute vor den Kopf. Gleichzeitig schüren eine galoppierende Inflation, Nahrungsmittelknappheit, grassierende Kriminalität und Stromausfälle die Unzufriedenheit. Ein explosives Szenario, in dem die USA versuchen werden, wieder an Boden zu gewinnen. (Sandra Weiss/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.9.2008)

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    Ein russischer Langstreckenbomber des Typs TU-160 auf dem venezolanischen Stützpunkt Palo Negro.

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    Die Präsidenten Evo Morales und Hugo Chavez wollen die Botschafter der USA aus ihren Ländern ausweisen.

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    Präsident Morales und Botschafter Goldberg (mit Kokablattgirlanden) bei der Eröffnung einer Straßenbaustelle im Dezember 2006. Mittlerweile hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Staatsmännern drastisch verschlechtert.

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