Kindersextouristen "ächten": Weltweit zwei Millionen Opfer

10. September 2008, 18:55
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Tourismusbranche soll sensibilisiert werden

 Wien - Seit elf Jahren können Österreicher, die im Ausland ein Kind sexuell ausbeuten, dafür auch im Inland zur Verantwortung gezogen werden. Doch seit 1997 kam das so genannte Extraterritorialprinzip bei Kindermissbrauch nur in einer Handvoll Fällen vor Gericht zur Anwendung - obwohl nach einer Schätzung der Kinderrechtsorganisation ECPAT rund 4500 Männer aus Österreich regelmäßig zu einschlägigen Sextouren ins Ausland fahren. Mit einer neuen Initiative will Wirtschaftsstaatssekretärin Christine Marek (ÖVP) nun vor allem die Tourismusbranche sensibilisieren.

In 70 Hotel-, Tourismus- und Gastgewerbeschulen werden Unterrichtsmaterialien angeboten, die angehende Touristiker mit dem Problem konfrontieren. Weltweit werden laut Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, rund zwei Millionen Kinder zu Prostitution gezwungen. Man kann davon ausgehen, dass in jedem Flugzeug nach Thailand, Vietnam, Kambodscha, auf die Philippinen, nach Sri Lanka, Brasilien, Indien oder Kenia "Kindersextouristen" an Bord sind.

"Aber auch in Europa, vor allem in Bulgarien, Rumänien, in Tschechien und in der Slowakei, blüht das Geschäft mit dem Kindersex", gibt Staatssekretärin Marek zu bedenken. EU-weite Gegenstrategien seien deswegen schwer zu entwickeln, weil es keine zentrale Kompetenz dafür gebe. "Alle sagen, wir müssen was dagegen machen, aber geschehen ist bisher wenig", meint Marek im Standard -Gespräch. Sie will jetzt EU-Kommission und EU-Parlament mobilisieren.

Verantwortung der Airlines

"Am effektivsten ist es wahrscheinlich, Täter, wenn diese schon aus Mangel an weit entfernten Beweisen nur selten verurteilt werden können, gesellschaftlich zu ächten", so Marek. Die Bereitschaft zur Mitarbeit ist in der Tourismusindustrie aber sehr unterschiedlich ausgeprägt. ECPAT hat schon vor einem Jahr zahlreichen Fluglinien Kurzfilme, die zu mehr Aufmerksamkeit aufrufen, zur Verfügung gestellt. Bis auf die Austrian Airlines hat aber keine Linie das Angebot angenommen. Dabei nahm erst kürzlich auch Europol-Chef Max-Peter Ratzel vor allem Billig-Airlines in die Pflicht: "Die niedrigen Preise für Tickets tragen zur wachsenden Zahl von Sextouristen bei", kritisierte Ratzel in der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Reisebüros zeigen hingegen mehr Interesse, Kinder vor Sextouristen zu schützen. Eine Reihe von Unternehmen legt bei bestimmten Destinationen den Tickets entsprechende Infokarten bei.

Zu effektiven Maßnahmen gehöre auch, Schicksale von Opfern publik zu machen, ist Marek überzeugt: Mae aus Phuket in Thailand war 13, als sie von Zuhältern ihrer Mutter das erste Mal zur Prostitution gezwungen wurde. Horst versprach ihr, sie nach Österreich zu holen. Europa hat sie nie gesehen, heute ist sie 16 und HIV-positiv. (Michael Simoner, DER STANDARD - Printausgabe, 11. September 2008)

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