Reicht es? - Bei weitem nicht

10. September 2008, 18:34
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Assoziationen zu einem Wahlkampfslogan - Kommentar der anderen von Ernst Seibert

Der markige Spruch "Es reicht!", den Wilhelm M. zur Aufkündigung der ungeliebten Großkoalition am 7. 7. 2008 von sich gab, wird möglicherweise in die österreichische Geschichte eingehen, wie die gerade noch ehrenvolle Aussage des bald danach verstorbenen Fred S., dass "alles so schwierig geworden sei" oder die weniger ehrenvolle des Jörg H. von der "ordentlichen Beschäftigungspolitik" im so genannten Dritten Reich. Aber eben dann, wenn "Es reicht!" solches historisches Gewicht erlangen sollte, ist ihm entgegen zu halten: Es reicht nicht! - und zwar an allen Ecken und Enden (eines "runden" Tisches).

Was allenfalls reicht, ist die An-der-Nase-herum-Führung des (Wahl-)Volkes, von dem nun alle Politiker/innen, die (noch) regierenden und ihre Opposition unisono behaupten, sie wüssten, wenn sie "hinaus" gingen und "mit den Leuten redeten" ganz genau, was es, das Volk, denke, also dass "es reiche" - ganz generell, bei allen Parteien, also auch der des Wilhelm M. Aber das hat Wilhelm M. ja nicht unbedingt gemeint; er hat zu verstehen gegeben, dass die von ihm vertretene Partei alles richtig mache oder machen wolle und alle anderen ihm dabei im Wege stünden. Vielleicht hat er aber auch gemeint (jedoch nicht zu verstehen gegeben), dass nun die Summe der ihm entgegengebrachten Unvernunft so groß sei, dass er es wagen könne, endlich die ersehnte Alleinregierung anzustreben ...

Was allenfalls reicht, ist die Vielfalt der Parteien, die plötzlich zu den vorhandenen dazu aus dem Boden sprießen und sich dem Wettlauf der Vernunft oder auch der Unvernunft anschließen. Und was in diesem relativ kurzen Wahlkampf ganz sicher jetzt schon reicht, ist die geradezu perfide "Informations"-Politik des ORF, dessen Wahlkampf(!)berichterstattung(!) eher in der Sportsendung ihren Platz hätte, denn im so genannten Hauptabendprogramm.

Blaue Augen, tiefe Griffe

Der Charme der Ringrichterin Ingrid T. (immer die selbe, damit das Volk durch den Wechsel der Kämpfenden vielleicht zu schnell verwirrt wenigstens an ein vertrautes Gesicht sich heften kann) täuscht gerade noch (ausreichend?) darüber hinweg, dass es bei den "Konfrontationen" offenbar nur darum geht, den jeweiligen Gegner mehr oder weniger "untergriffig" in den Zustand der "Blauäugigkeit" zu versetzen, wonach zwei Punkterichter (auch immer die gleichen, damit das Ganze auch "objektiv" erscheint) jeweils in der anschließenden Nachrichten(!)-Sendung darüber zu befinden haben, wer am besten für sich "punkten" konnte. Die Art des Dotierens in "Dancing-Stars" hat dagegen noch das Format eines plurivalenten Meinungsfindungsprozesses.

Um vom Medienfaszinosum ORF-Präsentation aber wieder zum Hauptschauplatz zurückzukehren, wäre zu konstatieren: Das rot-schwarze Zwischenspiel hat offenbar nicht gereicht, um beim Volk nach dem schwarz-blauen Trauerspiel den Glauben wiederherzustellen, dass Politik mehr sei als eine Farce. Selbstverständlich hat Alexander van der B. recht, wenn er im Gespräch mit Werner F. einklagt, dass wir im Lande mehr Akademiker bräuchten. Aber wer fragt ihn endlich (Ingrid T. schafft es nicht), was das bedeutet, wo wir im Lande doch schon jetzt mit Akademiker-Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Mehr Bildung verträgt das Land offenbar nicht.

Das Hauptbestreben nicht nur der Nicht-Sozialdemokraten bisher war offenbar, den Noch-Kanzler Alfred G., der scheinbar plötzlich überhaupt kein Thema mehr ist, mit medialer Untergriffigkeit an den Rand zu schieben. Genau dort ist die Politik jetzt insgesamt angelangt. Reicht das?

Das bekannte Mädchen aus dem Andersen-Märchen, in dem der Kaiser neue Kleider probiert und das inzwischen schon 16 sein und wählen könnte, würde sich bei all diesen Laufsteg-Versuchen wohl mehr denn je wundern über die Blöße, um nicht zu sagen: Nacktheit der Agierenden. Nein, es reicht ganz und gar nicht nicht. (Ernst Seibert/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2008)

Zur Person
Ernst Seibert lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Wien.

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    Könnte es sein, dass die Erfinder dieser Botschaft ans Wählervolk etwas missverstanden haben?

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