Nordkorea: Hunger als Sicherheit

10. September 2008, 18:29
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Ein seit Jahren halbverhungertes Volk mag kaum die Energie aufbringen, die Regierung zu stürzen - Von Martin Koelling

Welche innen- und außenpolitischen Auswirkungen würde ein Führungswechsel in Pjöngjang haben? Alle Mutmaßungen darüber sind derzeit reine Spekulation. Dennoch: Solange Kim Jong-il nicht plötzlich wieder irgendwo auftaucht, muss sich die internationale Staatengemeinschaft darüber Gedanken machen.

Ein Großteil des nordkoreanischen Militärs soll den Sechs-Parteien-Gesprächen zwischen den USA, China, Japan, Südkorea, Russland und Pjöngjang über eine nukleare Abrüstung des Regimes ablehnend gegenüberstehen. Andererseits müssen die Militärs, von denen angenommen wird, dass sie der Stabilitätsfaktor der stalinistischen Diktatur sind, das Land durch eine schwere Wirtschaftskrise lenken. Ohne internationale Hilfe ist das nahezu unmöglich.

Das ohnehin schon äußerst niedrige nordkoreanische Bruttoinlandsprodukt droht weiter zu sinken. Im Land herrscht laut Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen wegen Missernten, gedrosselter Hilfslieferungen der internationalen Gemeinschaft und der globalen Lebensmittelpreisexplosion die schlimmste Hungersnot seit den 1990er-Jahren. "Derzeit haben Millionen Nordkoreaner nicht genug zu essen" , sagt Tony Banbury, der Asien-Direktor des UN-Programms in Peking.

Die Not ihrer Untertanen mag die Kader vielleicht kompromissbereiter stimmen, aber gleichzeitig dürfen sich die Machthaber sicherer im Sattel fühlen. So zynisch es klingt, ein seit Jahren halbverhungertes Volk mag kaum die Energie aufbringen, diese Regierung zu stürzen. Ob der "Geliebte Führer" die Geschäfte in Pjöngjang nun wieder übernimmt oder nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2008)

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