Brandstiftungen in Zeiselmauer: Die Nacht bringt die Angst vorm Feuer

10. September 2008, 17:58
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Idyllische Bauernhöfe, römische Ruinen - Beschaulich war der Ort in NÖ bis Ende Juli - Neun gelegte Brände später haben Angst und Verzweiflung die Gemeinde fest im Griff

Zeiselmauer - Langsam steuert Ludwig Berger seinen Geländewagen über die Schotterstraße. Die Nacht zeigt sich von ihrer dunkelsten Seite, nur schemenhaft sind die Umrisse großer Obstbäume am Wegesrand zu erkennen. Der Landwirt fährt trotzdem ohne Licht. Je näher er der Rückseite seiner Reiterhalle kommt, umso fester kneift Berger seine Augen zusammen. Das wettergegerbte Gesicht des Mannes wirft tiefe Falten. Kein Millimeter des bewaldeten Geländes scheint diesen Augen zu entgehen. Vorsichtig wird das Auto in Position gebracht, mit einem herzhaften "Oba jetzt" dreht Ludwig Berger das Fernlicht auf. Es ist ein Uhr früh in Zeiselmauer.

"Jeder hat Angst"

Mit der nächtlichen Ruhe ist es in der 2200-Seelen-Gemeinde im Tullnerfeld seit gut zwei Monaten vorbei. Ende Juli suchte ein bis dato unbekannter Brandstifter Zeiselmauer zum ersten Mal heim, seitdem hat es weitere achtmal gebrannt - zuletzt am 4. September. Immer zwischen ein und zwei Uhr früh.

Ludwig Berger dreht das Fernlicht wieder ab und greift zum Handy: "Nix is, Mama. Bei uns is alles ruhig." Erni Berger sitzt in der Stube des Bauernhofs. Zu ihren Füßen liegt "Barri" . Zumindest der kalbgroße Bernhardiner scheint noch Schlaf zu finden. "Ich hoffe, dass der Hund dem Zündler amoi des Hosendachl obareißt. Die Straf' dafür zahl‘ ich gern." Zärtlich krault Erni dem Hund den Kopf. Nichts sei seit der Brandserie so, wie es einmal war: "Jeder hier im Ort hat Angst. Sobald es dunkel wird, geht das Zittern los: Kommt er heute Nacht, erwischt es vielleicht mich?"

25 Pferde stehen im Stall des Reiterhofs Berger. "Und wir lagern 400 Ballen Stroh. Ich will gar nicht daran denken." Herr Berger nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Schnapsglas. Die Uhr zeigt mittlerweile zwei Uhr. "Schlafen kann man sowieso nicht mehr richtig. Bei jedem Geräusch fährt man hoch. Wussten Sie, dass sich raschelnde Blätter wie das Knistern von Feuer anhören?" Am 31. Juli brannte es unmittelbar gegenüber des Reiterhofes. "Da hat er eine Scheune abgefackelt. Die Ruß-Flocken sind bis zu uns in den Hof geflogen" , erzählen die Bergers.

Keine Bürgerwehr

Aus dem kleinen Pub "Bier&Plus" im Gewerbegebiet von Zeiselmauer dröhnt Heavy Metal. "Damit blos' ma dem Zündler sei' Hölzl aus" , scherzt Andi. Angst hat der Zeiselmaurer keine: "Man kann ja eh nichts machen. Des is halt einer, den das Feuer spitz macht. Wenn's brennt, sitzt der wahrscheinlich mit rußigen Fingern im Wald und hat seinen Spaß." Mittlerweile hat sich auch Bürgermeister Josef Wagner im "Bier&Plus" eingefunden. Für die Gemeinde sei dies jetzt eine ganz besonders schlimme Zeit. "Man steht ohnmächtig dem gegenüber, was hier passiert. Man kann nichts tun, außer auf die Polizei vertrauen und hoffen, dass der Brandstifter einen Fehler macht."

"Lächerlich" findet das Gemeindeoberhaupt die Diskussionen über eine Bürgerwehr, die angeblich nächtens patrouilliert: "Eine Erfindung diverser Zeitungen." Allabendliche Treffen, um dann durch den Ort zu marschieren, gebe es keine. "Die Bewohner kontrollieren nur ihre eigenen Objekte." Mittlerweile ist es vier Uhr früh. In dieser Nacht brennen im einst verschlafenen Ort nur die Lichter in den Häusern. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD - Printausgabe, 11. September 2008)

  • Zwei Monate dauert die Brandserie in Zeiselmauer und St. Andrä-Wördern
schon an. Nun unterstützen Beamte des Bundeskriminalamtes die
Feuerwehr.
    foto: ff zeiselmauer

    Zwei Monate dauert die Brandserie in Zeiselmauer und St. Andrä-Wördern schon an. Nun unterstützen Beamte des Bundeskriminalamtes die Feuerwehr.

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