Die Viktoriafälle und Simbabwes Absturz

10. September 2008, 17:42
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Einst Afrikas spektakulärstes Touristenziel, heute Geisterstadt: Der Niedergang von Simbabwe unter der Herrschaft Robert Mugabes wird kaum irgendwo so deutlich wie in Victoria Falls

Es ist ein einmaliges Naturschauspiel: Mit ohrenbetäubendem Lärm stürzt der Sambesi mehr als 100 Meter in die Tiefe. Auf 1,7 Kilometer Breite brechen pro Minute rund 20.000 Kubikmeter Wasser die Viktoriafälle hinab, nach der Regenzeit mehr als eine halbe Million. Kein Wunder, dass die Simbabwer "ihre" Viktoriafälle als siebentes Weltwunder feiern. Doch kaum noch jemand kommt, um es mit eigenen Augen zu sehen.

Nur knapp 30 Besucher haben sich seit Anfang September in das Gästebuch eingetragen, das gleich hinter dem Eingang zum Victoria-Falls-Nationalpark ausliegt. Dabei sind nur hier, von der simbabwischen Seite aus, die Fälle in ihrer ganzen Größe zu bestaunen.
Die Katarakte im sambischen Nationalpark jenseits der Schlucht, die beide Länder trennt, sehen im Vergleich kläglich aus. "Alle sind hierher gekommen, um die Fälle zu sehen" , erinnert sich Neva Makoni, der vor 30 Jahren in Victoria Falls geboren wurde. "Die Leute sind von Harare und Johannesburg nach Vic Falls geflogen, haben hier ein paar Tage übernachtet, gut gegessen und auch sonst viel Geld ausgegeben."

Geisterstadt

Doch diese goldenen Zeiten sind lange vorbei. Spätestens seit den Unruhen nach den Wahlen im März ist Victoria Falls vollends zur Geisterstadt verkommen. Vor dem Nationalpark versuchen die wenigen Souvenirverkäufer, den Besuchern simbabwische 100-Milliarden-Dollar-Scheine zu verkaufen - als wertloses Souvenir, für einen US-Dollar. "Früher habe ich selber Skulpturen aus Stein geschliffen und den Touristen verkauft, aber das habe ich inzwischen aufgegeben" , erklärt Makoni. Doch andere Jobs gibt es auch nicht.

Nicht nur Arbeit ist ein Problem in Robert Mugabes Simbabwe. In dem Gewirr aus Hütten jenseits der Touristenstadt an der Ausfallstraße, wo Makoni lebt, gibt es seit Wochen kein trinkbares Wasser mehr. "Die Leute vom Wasserwerk sagen, sie können wegen der ständigen Stromausfälle das Wasser nicht mehr ordentlich klären" , weiß der 18-jährige Tamele, der seinen Nachnamen aus Angst vor Verfolgung nicht nennen will. Hat er denn Strom? "Nein, der war schon lange vor dem Wasser weg."

Neva Makoni und Tamele sind Ndebele, wie Morgan Tsvangirai, der Oppositionskandidat, der im fast tausend Kilometer entfernten Harare um die politische Macht kämpft. "Mugabe muss abtreten, sonst wird sich nichts ändern" , ist Tamele wütend. Wie fast alle hier, hat er für Tsvangirai und seine Bewegung für demokratischen Wandel gestimmt.

Das liegt nicht nur an der Wirtschaftskrise. Die Ndebele haben es Mugabe nie verziehen, dass er kurz nach der Unabhängigkeit 1980 mit Militärgewalt einen Bürgerkrieg vor allem gegen die Ndebele und ihren politischen Führer Joshua Nkomo führte. Mehr als 10.000 Ndebele wurden von einer in Nordkorea ausgebildeten Elitetruppe brutal getötet. Vor den juristischen Folgen dieses Massenmordes zittern heute noch Mugabe-Getreue in Politik und Militär. "Das ist der Grund, warum sie nicht nachgeben werden" , gibt sich Makoni resigniert. "Sie werden Tsvangirai kaltstellen, und dann geht es weiter bergab."

Der Niedergang der einstigen afrikanischen Vorzeigeökonomie Simbabwe, wo die Inflation in diesem Jahr auf mehr als elf Millionen Prozent geschätzt wird, ist in Victoria Falls auch deshalb so deutlich zu sehen, weil es sich um eine Kunststadt handelt, gebaut für die Besucher. Aber wer heute überhaupt noch nach Victoria Falls kommt, der übernachtet in Sambia und kommt über die Stahlbrücke, die den unteren Sambesi überquert und beide Staaten verbindet.

Ab zehn Uhr früh stürzen sich immer wieder Menschen von der Brücke in die Tiefe: Bungee-Jumping gehört zu den Attraktionen, mit denen sambische Reiseveranstalter vor allem junge Reisende nach Livingstone, dem sambischen Gegenstück zu Victoria Falls, locken. Weil von den Viktoriafällen auf sambischer Seite so wenig zu sehen ist, fachen Veranstalter die Nachfrage auf diese Weise an.
Wer dennoch nach Simbabwe fährt, um die Fälle zu sehen, tut dies meist ein bisschen ängstlich. "Glaubst du, die lassen uns wirklich wieder raus?" , fragt eine österreichische Urlauberin leise ihren Mann, während sie ein Einreiseformular ausfüllt.

Solche Sorgen haben die Simbabwer nicht, die jeden Morgen bei Sonnenaufgang den Weg über die Brücke bis zum ersten sambischen Spar-Supermarkt zurücklegen, zehn Kilometer von der Grenze entfernt. "Um sieben Uhr früh stehen bei uns schon Hunderte Schlange, die Brot kaufen wollen" , stöhnt eine der Kassiererinnen, die gerade wieder eine Einkaufswagenladung Toastbrot durchzählt.
40 Stück hat John, einer der Händler, für etwa 50 Euro-Cent pro Stück gekauft. In Victoria Falls verkauft John das Brot auf einem Markt - für drei Euro pro Stück. "Ich zahle für das Brot und Taxifahrt, und die Zöllner wollen natürlich auch Geld sehen."
Verboten und toleriert

Weil es simbabwisches Brot schon seit Wochen kaum noch gibt, kauft es dennoch jeder, der es sich irgendwie leisten kann. Gleiches gilt für Zucker oder Maismehl, das in 25-Kilo-Säcken auf dem Kopf über die Grenze getragen wird. Der kleine Grenzverkehr gehört zu den Absurditäten in Mugabes Simbabwe: Er ist eigentlich verboten, aber jeder toleriert ihn, weil sonst alle hungern würden. Bis ins 500 Kilometer entfernte Bulawayo, Simbabwes zweitgrößte Stadt, und sogar nach Harare reichen die Wege der Kleinhändler, die meist nur 20 Euro Startkapital haben. (Marc Engelhardt aus Victoria Falls/DER STANDARD, Printausgabe, 11.9.2008)

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    Foto: EPA/Ludbrook

    Von Livingstone in Sambia aus ist der Blick auf die Viktoriafälle zwar weit weniger spektakulär, aber die meisten Besucher meiden das krisengeschüttelte Simbabwe.

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