Nahezu jede vierte Probe belastet

10. September 2008, 16:48
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Analysen zeigen starke Probleme bei Haus- brunnen, erschreckende Hygienemängel in den Haushalten und die bekannten Schwermetalle durch alte Leitungen - ein Expertengespräch

Jeder zweite eingesandte Probe eines Hausbrunnens war im Bereich der bakteriologischen Untersuchung "nicht genusstauglich". Bei sechzehn Prozent der eingelangten Proben war ein schmutziger Putzlappen Anlass einer Verkeimung, so der Wasserwirtschafter Stephan Bruck zu den Ergebnissen der Wasserhahnproben von 33.000 Konsumenten,  die im Austrian Research Center im vergangenen Jahr untersucht wurden.

derStandard.at: Die Ergebnisse zeigen, dass jede zweite Probe eines Hausbrunnens als "genussuntauglich" eingestuft werden musste. Was heißt "genussuntaglich" ?

Bruck: Das heißt, dass das Wasser nicht trinkbar ist und mit gesundheitlichen Risiken zu rechnen ist.

derStandard.at: Das heißt diese Wasserqualität ist  gesundheitsgefährdend?

Bruck: Ja, gesundheitsgefährdend ist  Wasser, wenn es als genussuntauglich eingestuft werden muss. "Bedingt genusstauglich" heißt, dass eine Verkeimung vorliegt, man dieser auf den Grund gehen soll, aber keine Indikatoren  vorliegen, die auf eine Gesundheitsgefährdung hinweisen.

derStandard.at: Welche Bakterien  wurden in der Mehrzahl in den Hausbrunnen entdeckt?

Bruck: Coliforme Keime zu 13 Prozent, Pseudonomas zu vier Prozent. Beachtlich ist aber, dass bei sechs Prozent der Proben bei allen untersuchten Werten Überschreitungen festgestellt wurden.

derStandard.at: In welchen Zeiträumen kann sich die Qualität des Grundwassers verschlechtern? Reichen da die Kontrollen der Gemeinden aus?

Bruck: Geht man von Hausbrunnen aus, das betrifft rund eine Million Menschen in Österreich, ist der Grad der Verschmutzung, sowie die Geschwindigkeit mit der ein Brunnen/Leitungssystem verschmutzt sind, sehr individuell.

derStandard.at: Warum?

Es muss die lokale Situation betrachtet werden: ist der Brunnen bei einem landwirtschaftlichen Betrieb? Ist die Bauart vorschriftsmäßig, ist der Brunnen nach oben hin gegen Regen, Blätter, Tiere abgeschirmt? Welche Einflussquellen mit schlechter Qualität, wie Senkgruben, Misthaufen, Müllplätze gibt es in der Gegend?

derStandard.at: Kann man trotzdem einen Zeitraum empfehlen?

Bruck: Prinzipiell kann man nur sagen, dass  zumindest alle vier bis fünf Jahre eine Untersuchung notwendig wäre. Da Hausbrunnen generell nicht der öffentlichen Kontrolle unterliegen, ist hier die Eigenverantwortung des Einzelnen gefragt.

derStandard.at: Ist ein Rückschluss auf die gesamt österreichische Situation der Brunnenwasserqualität zulässig, oder muss man davon ausgehen, dass gerade jene Menschen die Wasserqualität untersuchen lassen, die mit Mängel oder Problemen rechnen?

Bruck: Diese Untersuchung ist eine anlassbezogene Untersuchung. Wir wissen, dass ein generelles Interesse und eine veränderte Lebenssituation ausschlaggebend sind -  wie zum Beispiel durch Kinder die auf die Welt kommen,  Krankheiten, oder eine Problematik, die durch Nachbarn oder der Gemeinde kommuniziert wird. Das wären zum Beispiel Hausleitungen in Städten, die vor 1950 errichtet wurden oder erhöhte Nitratwerte in stark landwirtschaftlich genutzten Gebieten.

derStandard.at: Die Schwermetalle Nickel und Blei gelangen nur dann über die Zuleitung ins Trinkwasser, wenn Leitungsarbeiten durchgeführt werden oder wurden. Wie kann man da die Belastung gering halten und wie lange ist da noch mit Rückständen zu rechnen?

Bruck: Die Belastungen hängen von verwendeten Legierungen, Leitungs- und Armaturmaterial ab. Sind Nickel und Blei verarbeitet kann es immer Belastungen geben.

derStandard.at: Ein wesentliches Defizit ist die Haushalthygiene. Was passiert, wenn man mit einem alten Lappen den Wasserhahn reinigt?

Bruck: Bei Verwendung verunreinigter Putzutensilien verkeimt man Armaturen und Leitungen: Ist das System verkeimt, kann in Folge auch immer eine Gesundheitsgefährdung entstehen.

derStandard.at: Wie lange dauert es, bis schädliche Bakterien in Schwämmen und Putztüchern zu finden sind, oder anders gefragt: Wie oft müssten diese ausgewechselt beziehungsweise gereinigt werden?

Bruck: Eine Verkeimung kann abhängig von Temperatur, Witterung und Grad der Verschmutzung sehr schnell entstehen. Es ist zu empfehlen, immer saubere Putztücher in Verbindung mit Putzmitteln zu verwenden und ein spezielles Augenmerk auf die Reinigung der verwendeten Utensilien zu legen.

Zusätzlich ist es wichtig, die in der Armatur verwendeten Siebchen (Perlatoren) zumindest einmal jährlich zu  desinfiziert. Das kann man ganz einfach durchführen, indem man diese in eine  Essiglösung einlegt, oder man tauscht sie aus.

derStandard.at: Wann würden Sie Personen empfehlen das Trinkwasser aus der Leitung durch stilles Mineralwasser zu ersetzten?

Bruck: Bei körperlichen Beschwerden, wie Allergien oder Problemen im Verdauungstrakt. Auch bei Kleinkindern unter sechs Monaten undkrankne und älteren Menschen.

  • Stephan Bruck, Leiter der Trinkwasseranalysen: "Bei Verwendung verunreinigter Putzutensilien verkeimt man Armaturen und
Leitungen: Ist das System verkeimt, kann in Folge auch immer eine
Gesundheitsgefährdung entstehen."
    foto/grafik: aqa

    Stephan Bruck, Leiter der Trinkwasseranalysen: "Bei Verwendung verunreinigter Putzutensilien verkeimt man Armaturen und Leitungen: Ist das System verkeimt, kann in Folge auch immer eine Gesundheitsgefährdung entstehen."

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