Verlockungen motivieren nicht dauerhaft

10. September 2008, 14:59
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Der Goldstandard der Führungskunst: Kluge Bedachtsamkeit spart Kräfte, Zeit, Geld und schont die Nerven - Tipps von Harmut Volk

Der Goldstandard der Führungskunst: Kluge Bedachtsamkeit spart Kräfte, Zeit, Geld und schont die Nerven. Hartmut Volk gibt Tipps, wie Sie Ihre Mitarbeiter "ökonomisch" führen können.

Kennen Sie das ökonomische Prinzip? Nein? Sie sollten es kennen! Es könnte Sie in mancher Hinsicht auf andere, bessere Gedanken bringen. Und Sie dadurch erheblich entlasten. Es lautet: mit dem geringstmöglichen Aufwand den größtmöglichen Ertrag erzielen.

Nun mögen Sie einwenden: Aha, Lob der Faulheit. Irrtum - Lob kluger Bedachtsamkeit! Erst denken, eine Sache durchdenken und dann handeln. Das spart Kräfte, Zeit, Geld, schont die Nerven. Kurz, schützt vor der aufwendigen Vergeblichkeit so manchen eiligen Tuns. Unbedacht zu handeln ist einer der wirkungsvollsten Stolpersteine auf dem Weg zum Ziel.

Warum also dieses wunderbare Prinzip nicht auch auf die Menschenführung anwenden? Menschen sind in ihrer Mehrzahl nämlich Sensibelchen. Insbesondere wenn es um sie selbst geht. Nur ein einziger falscher Ton und "schnapp", schon sind sie eingeschnappt, sitzen beleidigt, verbiestert und tief getroffen in der Schmollecke.

Als Chef und Vorgesetzter könnten Sie ihnen nun natürlich auch den Marsch blasen und Beine machen. Manchmal kann das durchaus auch der Weisheit letzter Schluss sein. Im Sinne des ökonomischen Prinzips aber ist das nicht der Goldstandard der Führungskunst. Viel zu anstrengend, nervenaufreibend und - was das Wichtigste ist - viel zu erfolgslabil.

Brüllen stumpft ab

Erheblich ökonomischer ist es, die Mitarbeiter dazu zu bringen, selber zu laufen. Nun denken Sie vermutlich an Motivation. Nichts da, vergessen Sie das ganze Motivationsgerede. Wirklich motivieren kann sich ein Mensch immer nur selber. Echtes Engagement auf Dauer ist weder zu kaufen noch mit allem möglichen teuren Trainingsschnickschnack zum Erblühen zu bringen.

Das hat die psychologische Forschung längst erkannt. Wenn nicht motivieren, was dann? Nicht demotivieren! Tatsächlich mit Bedacht führen. Das ist die gekonnte Umsetzung des ökonomischen Prinzips in Sachen Menschenführung.

Rennen im Hamsterrad

Natürlich lässt es sich nie gänzlich vermeiden, diesem oder jenem immer mal wieder auf die Füße zu treten. Dafür sind Menschen trotz genereller Empfindlichkeit einfach zu verschieden. Aber das ist auch gar nicht so schlimm und renkt sich meist von selber wieder ein. Vorausgesetzt, Sie als Führender haben es geschafft, so etwas wie ein Grundwohlwollen Ihnen gegenüber zu etablieren. Womit wir wieder bei der bereits erwähnten Bedachtsamkeit wären. Und natürlich dem ökonomischen Prinzip.

Ihr Rennen im Hamsterrad der Anstrengung, ihre Jungs und Mädchen aus sich heraus zu eifrigem Tun und entlastendem Mitdenken zu bewegen und in Sternstunden der Leistungslust immer wieder auch mal über sich selbst hinaus zu wachsen, verringert sich in dem Maße, wie es Ihnen gelingt, wenigstens nicht in Serie in einige der ärgsten Fettnäpfchen zu treten - in Fettnäpfchen, die auch Sie selbst auf der Stelle in Rage bringen und postwendend zu gebremstem Einsatz veranlassen würden.

Klappern gehört dazu

Also, führen Sie nach dem ökonomischen Prinzip. Lassen Sie sich von dem ganzen Motivationsgerede nicht irremachen. Klappern gehört nun mal zum Handwerk, zumal bei der Überbesetzung im Berater- und Trainingsmarkt.

Doch Ihr Geld können Sie meistens nützlicher verwenden, wirklich fett macht nur Selberdenken. Kaum etwas anderes spart mehr und bringt so viel ein, wie die Vermeidung der ganz alltäglichen Dosis Demotivation! Deshalb:

Schieben Sie bei Problemen, Schwierigkeiten und sonstigen alltäglichen Misshelligkeiten nicht automatisch Ihren Leuten den schwarzen Peter zu.

Übernehmen Sie nie ungeprüft die Sichtweise, Behauptungen, Vorwürfe oder Anschuldigungen Dritter.

Betrachten Sie die Dinge und die Umstände immer auch aus der Perspektive Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es sind nicht nur Ihre Erfüllungsgehilfen, sondern auch Ihre Schutzbefohlenen.

Respektieren Sie im Rahmen des Vertretbaren deren Persönlichkeitszuschnitte und setzen Sie Ihre Leute entsprechend ein. Niemand kann wirklich aus seiner Haut. Auch noch so viele Trainings und Coachings krempeln einen Menschen nicht um. Das hat gerade wieder der Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Buch Persönlichkeit, Entscheidung, Verhalten - Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern beschrieben.

Kritik muss sein. Kritisieren Sie aber möglichst unter vier Augen. Tun Sie es ruhig, maßvoll, auf keinen Fall pauschal, stets fallorientiert. Und immer mit der Tendenz "versöhnlich", ohne die so verletzende Ironie.

Machen Sie niemanden "klein". Stellen Sie niemanden bloß. Unterlassen Sie Scherze auf Kosten anderer. Und, reden Sie auf keinen Fall abfällig über Abwesende.

Taktieren Sie nicht. Messen Sie nicht mit zweierlei Maß. Spielen Sie Ihre Leute nie gegeneinander aus.

Preisen Sie niemanden lauthals als hehres Vorbild. Das kommt in Ihrer Truppe nicht gut an.

Loben Sie nicht mit der Floskelgießkanne oder sonst wie inflationär-undifferenziert. Damit erreichen Sie nichts, außer dass Sie rasch die Mitarbeiter verprellen, die aus sich heraus die überdurchschnittliche Leistung als selbstverständliche persönliche Norm ansehen. Lob kann auch beleidigen und demotivieren!

Machen Sie parallel nichts anderes, während Sie im Gespräch mit Mitarbeitern sind. Vermitteln Sie jedem stets das Gefühl, im Mittelpunkt Ihrer Aufmerksamkeit zu stehen. Nehmen Sie sich entsprechend Zeit für Ihre Leute.

Beweisen Sie sich als berechenbar, zuverlässig, vertrauenswürdig. Gehen Sie ruhig auch mal augenzwinkernd mit Ihren Leuten um. Machen Sie sich aber nie mit ihnen gemein.

Und schließlich:

Nutzen Sie die Macht der Höflichkeit, die Wirkung symbolischer Gesten und den Charme der Contenance. Mit dem sprichwörtlichen Hut in der Hand kommen auch Sie als Chef und Vorgesetzter besser an und weiter als ein gruß- und blicklos Vorübereilender. Sagen Sie "bitte" und "danke". Ergibt sich die Situation, halten Sie die Tür auf oder für die Ihnen Folgenden offen. Seien Sie sich im Sinne beispielgebenden Handelns auch nicht zu schade, ein herumliegendes Stück Papier aufzuheben. Und - trennen Sie sich von einem Stück Schokolade, wenn Sie sich just daran laben, während jemand zu Ihnen kommt. (Hartmut Volk/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

Lesetipps:

Guenter Dueck: "Abschied vom homo oeconomicus - Warum wir eine neue ökonomische Vernunft brauchen." Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 2008

Richard Gris: "Die Weiterbildungslüge - Warum Seminare und Trainings Kapital vernichten und Karrieren knicken". Campus Verlag, Frankfurt/Main 2008

Christine Scheitler und Stefan Wetzel: "Werte, Worte, Taten und wie sie Realität im Unter-nehmen werden. Eine erfolgreiche Kompetenzentwicklung für Führungkräfte". Verlag Paul Haupt, Bern 2007

Ernst Pöppel: "Zum Entscheiden geboren - Hirnforschung für Manager". Hanser Verlag, München 2008

Philip Zimbardo: "Der Luzifer-Effekt - Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2008

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    Die Psychologie hat das ökonomische Prinzip in Sachen Mitarbeiterführung längst erkannt: Motivieren kann sich ein Mensch immer nur selbst. Teure Verlockung ist nur kurzlebig, dauerhaftes Mitarbeiterengagement nicht käuflich.

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