Neue Bekenntnisse eines "Wirtschaftskillers"

10. September 2008, 14:44
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John Perkins lässt seinem Bestseller ein neues Buch folgen, in dem es nach wie vor um eines geht: die USA, eine "Weltmacht ohne Skrupel"

Barack Obama gegen John McCain, "Change" gegen "Neubeginn" - die beiden Kandidaten um das Amt des US-Präsidentenamt versprechen radikale Schritte, ein völlig neues Amerika im nächsten Jahr. Einer kann darüber vermutlich bloß lachen: John Perkins. Für den US-Ökonomen und Buchautor ist es "gleichgültig, ob die Republikaner oder die Demokraten das Weiße Haus oder den Kongress beherrschen" - er weiß nämlich, wer im Hintergrund wirklich die Fäden zieht: Es gebe ein "im Verborgenen errichtetes modernes Imperium", bestehend aus Personen, die sich "durch die 'Drehtür der Macht' zwischen Wirtschaft und Politik hin und her" bewegen, "Wahlkämpfe und die Medien" finanzieren und deshalb schlicht "die Macht haben", schreibt er in seinem Buch "Weltmacht ohne Skrupel". Ein System, das er "Korporatokratie" nennt.

Das Buch ist der Nachfolger seines Bestsellers "Bekenntnisse eines Economic Hit Man", ein erschreckendes Zeitdokument über Korruptionsgeschäfte, an denen er allesamt selbst beteiligt war - als "Wirtschaftskiller", wie Übersetzer Stephan Gebauer diese Leute nennt, die für Geheimdienste und Konzerne an der Unterdrückung der Dritten Welt arbeiten, sprich: sie von den USA abhängig zu machen und "auszubeuten". Geschrieben hat Perkins das Buch "für alle, die versuchen, eine stabile, dauerhafte und friedliche Welt zu errichten" - so die Widmung. Perkins sieht sich heute zweifellos auch selbst als einen solchen Menschen an: Zwölf Jahre lang war er als "Wirtschaftskiller" tätig. Dann bekam er Gewissensbisse, stieg aus und arbeitet nun daran, die Methoden und Arbeitsweisen dieser "Economic Hit Men" ins öffentliche Bewusstsein zu schreiben.

Alle Mittel

Perkins beschreibt in seinem Buch (Untertitel: "Die dunkle Seite der Globalisierung - Wie die USA systematisch Entwicklungsländer ausbeuten") in vielen kurzen, nach Erdteilen gegliederten Kapiteln, wie sich diverse wechselnde Interessensgemeinschaften aus US-Geheimdiensten, Weltkonzernen und Militär in der Erreichung ihrer Ziele aller Mittel bedienen: So verstand es die US-Regierung nach Ansicht des Autors ausgezeichnet, nach dem Tsunami in Südostasien im Dezember 2004 unter dem Deckmantel der Katastrophenhilfe die militärischen Beziehungen zu Indonesien auf eine völlig neue Basis zu stellen und die Unabhängigkeitsbestrebungen in der vom Tsunami am meisten betroffenen Provinz Aceh buchstäblich niederzuknüppeln. Das an Bodenschätzen reiche Aceh hatte zuvor jahrzehntelang nach Unabhängigkeit von Indonesien gestrebt.

"In Afrika scheitern Wirtschaftskiller oft, und deshalb spielen Mordanschläge in der Politik auf diesem Kontinent eine größere Rolle", wird Perkins recht deutlich, als er die Geschichte des 1994 von einem "Femegericht" gehängten nigerianischen Umweltschützers Ken Saro-Wiwa erzählt. Saro-Wiwa - er gehörte dem Volk der Ogoni an - führte den Widerstand gegen die Ausbeutung durch die Ölgesellschaften, allen voran die Firma Shell, an. Saro-Wiwa wurde wegen Anstiftung zum Mord verhaftet und in einem Schauprozess zum Tod verurteilt. Die Fäden zogen dabei so genannte US-"Schakale" - und diese gehen heute, davon ist Perkins überzeugt, "ihrer Tätigkeit im Irak nach, während ich diese Zeilen schreibe".

Dollars und Kugeln

Ein andermal berichtet Perkins, wie ihm ein gewisser "Brett", der immer noch als "Wirtschaftskiller" tätig ist, von seiner ersten Begegnung mit einem gerade gewählten Präsidenten eines südamerikanischen Landes erzählte. Um welches Land es sich handelte, verriet "Brett" nicht, Perkins vermutet aber, dass es um Ecuador und Lucio Gutierrez ging. "Ich steckte die linke Hand in meine Jackentasche und sagte: 'Herr Präsident, hier habe ich ein paar hundert Millionen Dollar für Sie und Ihre Familie, wenn Sie das Spiel mitspielen wollen - Sie wissen schon, wenn Sie nett zu meinen Freunden von den Ölkonzernen sind und Uncle Sam gut behandeln'", wird "Brett" von Perkins zitiert. Und weiter: "Ich trat näher, steckte die rechte Hand in die andere Tasche, beugte mich zu ihm hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: 'Und hier habe ich eine Waffe und eine Kugel, auf der Ihr Name steht - für den Fall, dass Sie vorhaben, Ihre Wahlversprechen zu halten."

Schonungslos legt Perkins dar, wie "Wirtschaftsimperialismus" in der Praxis funktioniert, fassungslos liest man die Berichte, für deren Authentizität sich Perkins verbürgt. Und der US-Ökonom und ehemalige "Wirtschaftskiller" hat eine klare Botschaft, die er mehrmals in dem Buch wiederholt: Die US-Bürger sollten von ihrer Regierung und ihren Großkonzernen verlangen, "dass sie ihre Versuche aufgeben, die Entwicklung der Demokratie in anderen Ländern zu verhindern".

Und wer weiß, vielleicht lassen sich ja auch Barack Obama und John McCain von den "Bekenntnissen" des John Perkins beeindrucken. (map, derStandard.at, 10.9.2008)

  • John Perkins:Weltmacht ohne SkrupelDie dunkle Seite der Globalisierung - Wie die USA systematisch Entwicklungsländer ausbeuten.Redline Wirtschaft, 2007.328 Seiten,ISBN 978-3-636-01448-1 24,90 Euro

    John Perkins:
    Weltmacht ohne Skrupel
    Die dunkle Seite der Globalisierung - Wie die USA systematisch Entwicklungsländer ausbeuten.
    Redline Wirtschaft
    , 2007.
    328 Seiten,
    ISBN 978-3-636-01448-1
    24,90 Euro

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