"Überlegt es euch, bitte"

10. September 2008, 14:57
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Wahlziel 17 statt 15 Prozent, bevorzugte Vegetarier und Nachhilfe in Gebärdensprache - Eine derStandard.at-Reportage vom Wahlkampfauftakt der Grünen - Mit Video

Saxofon, Geige, Trompete und Ziehharmonika: Grüne Parteianhänger klatschen zur lauten Balkanmusik der Band "Sandala".  Mit der Musik im Gleichschritt marschieren ein gut gelaunter Alexander Van der Bellen, eine leutselige Eva Glawischnig und die anderen Grünen SpitzenkandidatInnen ins schicke Museumsquatier in Wien ein. Zweieinhalb Wochen vor der Wahl feiern nun auch sie ihren Wahlkampfauftakt.

Die Standing-Ovations sind vorprogrammiert, denn Sitzplätze gibt es im gemieteten Raum des Architekturzentrums nicht. Zirka 250 Grün-AnhängerInnen sind gekommen. Helene Jarmer darf als erste auf die Bühne. Die gehörlose Frau möchte für die Grünen in den Nationalrat einziehen und gibt Nachhilfe in Gebärdensprache. Für Alexander Van der Bellen hat sie sich einen besonderen Gebärdennamen ausgedacht: Sie tippt auf ihre Wange: "Ich habe das Gefühl, er rasiert sich nicht". Für Eva Glawischnig werden die Haare gezwirbelt. Eine Geste, die sie, wie man später erfahren wird, dann immer macht, wenn sie emotional aufgeladen ist.

 

Ambitionierte Ziele

Emotional aufgeladen - das seien auch die vielen Leute da draußen, die sich etwas Neues wünschen. Spitzenkandidat Van der Bellen weiß genau, was er nach dem 28. September haben will: "15 Prozent ist unser Wahlziel." Was den Wahlausgang betrifft, so haben die Grünen ihre Ambitionen offensichtlich ein wenig hinuntergeschraubt. So sprach Van der Bellen noch am Wochenende am Grünen Bundeskongress von 17 Prozent erhofftem Stimmenanteil, am Mittwoch nennt er 15 Prozent. Doch das drückt die Stimmung nicht.

Angeregter Applaus unterbricht immer wieder die Ansprachen von Eva Glawischnig und Van der Bellen. "Ihr seid so motiviert," ruft die stellvertretende Bundessprecherin der Menge zu.  Aber als die Band zwischendurch wieder Stimmung machen will, sind es nur wenige, die verkrampft zur Musik hin und her wippen. Umso emotionaler fällt der Applaus aus, als Van der Bellen in seiner Rede gegen die Anbiederung der SPÖ an die FPÖ wettert und die Nationalratswahlen zu einer Richtungsentscheidung zwischen FPÖ und Grünen hochstilisiert.

"Überlegt es euch, bitte!"

"Wen wollen die Österreicher nach dem 28. September haben? Einen Vizekanzler Strache, der einen Le Pen auf dem roten Teppich empfängt?" Es sei nicht egal, ob Grüne oder FPÖ auf Platz drei landen würden, streicht der Parteichef mehrmals hervor. "Klimaschutz, Bildungspolitik oder Sozialpolitik, you name it - was haben die zu bieten, überlegt euch das bitte." Immer wieder appelliert Van der Bellen an die noch Unentschlossenen, die die Grünen "Stimme für Stimme, Gräzel für Gräzel überzeugen werden". In seiner Rede spannt der grüne Parteichef den Bogen von "Pellets statt Putin" bis zur "merkwürdige Dreierkoalition" zwischen SPÖ, FPÖ und "Kronen-Zeitung", die SPÖ-Spitzenkandidaten Faymann nach dem Motto: "Der Erlöser ist herabgestiegen - er heißt Werner Faymann" unterstütze. Mit den Grünen in der Regierung soll Österreich zum "Mekka in der Bildung und der erneuerbaren Energie werden", so Van der Bellen.

Leiser Zweifel

Zum abschließenden Gruppenfoto wird Jamie Lidell mit "Another Day" eingespielt. Van der Bellen prostet der Menge mit seinem Wasserglas zu und ruft: "Wir schaffen das!" Doch so siegessicher die Parteispitze auf der Bühne wirken mag, einige Parteifunktionäre kann der Wahlkampfauftakt noch nicht überzeugen: "Wir alle wissen, dass es bei dieser Wahl für die Grünen besonders schwer werden wird," meint ein Parteimitglied beim anschließenden Schlemmen am Buffet. Hartkäse aus Vorarlberg, gefüllte Paprika oder Fleischlaibchen - natürlich alles aus biologischem Anbau. Man könnte meinen, die Grünen bieten für jeden etwas an. Eine Dame stellt sich an der langen Schlange am Buffet an und meint missmutig: "Vegetarier werden hier bevorzugt." (Katrin Burgstaller/ Martina Powell, derStandard.at, 10.9.2008)

  • "Wir schaffen das" Eva Glawischnig und Van der Bellen voller Zuversicht.
    Foto: APA/ Robert Jaeger

    "Wir schaffen das" Eva Glawischnig und Van der Bellen voller Zuversicht.

  • Van der Bellen appeliert an die Unentschlossenen: "Überlegt es euch, bitte!"
    Foto: AP/ Hans Punz

    Van der Bellen appeliert an die Unentschlossenen: "Überlegt es euch, bitte!"

  • Gute Stimmung beim Wahlkampfauftakt der Grünen. Auf pompöse Lichtshows und dergleichen wurde verzichtet.
    Foto: AP/ Hans Punz

    Gute Stimmung beim Wahlkampfauftakt der Grünen. Auf pompöse Lichtshows und dergleichen wurde verzichtet.

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