Drei große EU-Staaten schlittern in die Rezession

10. September 2008, 17:25
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Das Wirtschaftswachstum in der EU schwächt sich merklich ab. Deutschland, Großbritannien und Spanien müssen mit einer Rezessionsphase rechnen

Die europäische Wirtschaft wird im zweiten Halbjahr 2008 nur knapp an einer Rezession vorbeischrammen. Dies geht aus einer Konjunkturprognose der EU-Kommission hervor, die sich jenen sieben großen Volkswirtschaften widmet, die zusammen etwa 80 Prozent der Wirtschaftsleistung der Union erbringen. Demnach wird die europäische Wirtschaft heuer im dritten Quartal gar nicht und im vierten Quartal nur um 0,1 Prozent wachsen, nachdem sie im zweiten Quartal erstmals seit 13 Jahren geschrumpft war.

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Brüssel/Wien - Noch im Frühling war die EU-Kommission von einem Wirtschaftswachstum für 2008 von zwei Prozent für die 27 Mitgliedstaaten ausgegangen, dieser Wert wurde im Konjunktur-Zwischenbericht auf 1,4 Prozent revidiert. Im Euroraum sollen es gar nur 1,3 Prozent sein.
In Deutschland, Spanien und Großbritannien wird die Wirtschaft heuer in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen sogar schrumpfen - womit die Länder eine Rezessionsphase erleben. Frankreich und Italien schrammen an einer Rezession gerade noch vorbei. Der Zwischenbericht stützt sich auf die Wirtschaftsdaten der sieben größten EU-Volkswirtschaften Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Niederlande und Polen. Diese Länder erwirtschaften 80 Prozent der EU-Wirtschaftsleistung.

"Wir leben derzeit unter wirtschaftlich sehr unsicheren Rahmenbedingungen" , sagte EU-Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquín Almunia. Die Risiken, diese Prognosen nochmals nach unten revidieren zu müssen, seien nicht gering.

Verantwortlich für die deutliche Abschwächung des Wirtschaftswachstums sei vor allem der Rückgang des privaten Konsums. Die hohen Energiepreise würden die Kaufkraft schmälern, die Menschen wären verunsichert und würden vermehrt sparen.

Dazu kommen noch die Auswirkungen der Krise an den Finanzmärkten, Spanien leide besonders am Platzen der Spekulationsblase am Immobilienmarkt, meint Almunia. Insgesamt sei die Zuversicht bei Unternehmen wie Konsumenten deutlich unter die langjährigen Durchschnitte gefallen.

Inflation sinkt wieder

Einen schwachen Lichtblick gibt es bei der Entwicklung der Preise: Die Kommission geht davon aus, dass im heurigen dritten Quartal der Wendepunkt erreicht wird. Die Auswirkungen der hohen Energie- und Lebensmittelpreise dürften sich abschwächen. Nach einem Spitzenwert von 3,9 Prozent in der Eurozone im dritten Quartal dürfte die Teuerung im vierten Quartal auf 3,4 Prozent sinken. "Das dürfte dann auch wieder die private Nachfrage stärken", so Almunia. Für das Gesamtjahr 2008 wird die Inflationsrate für die Eurozone bei 3,8 Prozent erwartet. Trotz dieser "leider sehr schlechten Nachrichten" sei es wichtig, dass die Mitgliedstaaten die Budgetdisziplin einhielten, um Rahmenbedingungen für künftiges Wachstum zu schaffen. Höhere Neuverschuldung allein wäre keine Lösung.

"Es ist Wahlkampf"

Zu den Plänen der SPÖ, zur Inflationsbekämpfung die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel von zehn auf fünf Prozent zu senken, sagte Almunia auf Standard-Nachfrage: "Ich glaube, es ist Wahlkampf in Österreich. Was ich davon halte, sage ich nach der Wahl."

Für Österreichs Volkswirtschaft ermittelte das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) indessen auch wenig ermunternde Zahlen. Im zweiten Quartal ist das BIP nur noch um 0,4 Prozent im Vergleich zu den ersten drei Monaten des Jahres gewachsen. Im Jahresabstand wuchs die Wirtschaft um lediglich 2,0 Prozent. Die Exportdynamik - bisher Konjunkturtreiber - ging stark zurück.

Laut einem Wiener Notenbanker rechnen die Volkswirte damit, dass es im zweiten Halbjahr für die europäische Konjunktur zu "gröberen Problemen als bisher angenommen" kommen könnte. Im EZB-Rat sei die Stimmung am vorigen Donnerstag "sehr nachdenklich" gewesen, alle Gouverneure seien sich einig, dass die aktuelle Wachstumsprognose "sehr optimistisch" ist, man sei schon "am Rande dessen, was eigentlich noch Wachstum ist" . (gra, mimo, szem, DER STANDARD, Print-Ausgabe,11.9.2008)

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    Die im Frühling prognostizierten größten Gefahren für das Wirtschaftswachstum in Europa haben sich bewahrheitet. Auch global zeichnet sich ein Abschwung am Horizont ab.

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