Wissenschafter setzen Large Hadron Collider in Gang

10. September 2008, 10:19
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Genf - Ein Vierteljahrhundert an Vorbereitungen hat sich ausgezahlt - die größte Forschungsmaschine der Welt, die dementsprechend den Spitznamen "Weltmaschine" erhielt, ist in die erste Phase ihres Betrieb eingetreten: Die Wissenschafter am Europäischen Zentrum für Teilchenphysik CERN schickten erfolgreich den ersten Strahl aus Atomkernen durch den fast 27 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC). In der Supermaschine sollen künftig fast lichtschnelle Atomkerne kontrolliert zusammenstoßen, um fundamentale Fragen der Physik zu beantworten: Was geschah beim Urknall? Woraus besteht das Universum? Woher kommt die Masse? Und wo ist die Antimaterie?

10. 9. 2008, 9.33 Uhr: Beginn einer "neuen Ära"

"Es ist ein fantastischer Moment", sagte Projektleiter Lyn Evans, der im CERN-Kontrollzentrum den Startschuss für die ersten Protonen gegeben hatte. "Wir können nun eine neue Ära im Verständnis des Beginns und der Entwicklung des Universums erwarten." Exakt um 9.33 Uhr hatte es erstmals auf einem der Kontrollschirme geblitzt: Evans konnte melden, dass der Protonenstrahl erfolgreich die ersten drei der insgesamt 26,7 Kilometer langen, mit starken Magneten bestückten Vakuumröhre durchquert habe.

Schrittweise wurde der Strahl danach in die acht Sektoren des Ringbeschleunigers geschossen. Um 10.28 Uhr brach wie bei einem gelungenen Raketenstart Jubel im Kontrollzentrum aus. Zwei Blitze auf einem Bildschirm kündeten davon, dass der Protonenstrahl erstmals durch die gesamte Röhre gerast war. Evans war begeistert von dem Tempo, mit dem dieser Schritt glückte - die Experten hatten mit mehreren Stunden gerechnet.

Begeisterte Reaktionen

"Man könnte sagen: Das ist ein kleiner Schritt für ein Proton, aber ein großer Sprung für die Menschheit", sagte sein Physikerkollege Nigel Lockyer vom TRIUMF-Laboratorium in Kanada in Anlehnung an Neil Armstrongs Spruch beim Betreten des Mondes. Der derzeitige CERN-Generaldirektor Robert Aymar sprach von einem großen Tag für das Europäische Laboratorium. "Der LHC ist eine Entdeckermaschine", sagte Aymar. Das Forschungsprogramm setze "eine Tradition der menschlichen Neugier fort, die so alt ist wie die Menschheit selbst". Die Forscher hoffen, dank des LHC in den nächsten 15 Jahren bahnbrechende neue Einblicke in die Physik zu bekommen. "Das ist ein historischer Moment", sagte auch der designierte CERN- Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer. "Ich bin schlichtweg begeistert."

Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der auch EU- Ratsvorsitzender ist, sprach in Paris von einem "sehr großen Erfolg für Europa, das seine weltweite Führung in wichtigen Bereichen der Wissenschaft zeigt, wenn es seine Bemühungen und besten Kompetenzen zusammenzuführen versteht". Auch die deutsche Bundesforschungsministerin Annette Schavan betonte in einem Grußwort, das CERN sei ein gutes Beispiel für die Internationalität der Forschung. Der LHC führe die Suche nach den Anfängen des Universums "zu einem neuen Höhepunkt".

Der weitere Zeitplan

Der Beginn der eigentlichen Experimente erfolgt in einigen Wochen. Bis dahin müssen die Forscher schauen, dass der erste Protonenstrahl stabil in der Vakuumröhre zirkuliert. Danach wird der zweite Protonenstrahl in gegenläufiger Richtung eingeschossen. Erst dann - nach mehr als zwanzig Jahren Planungs- und Bauzeit - können sie die mit beinahe Lichtgeschwindigkeit zirkulierenden Protonenpakete zur Kollision bringen.

Die Forscher machen sich mit Hilfe einer der kompliziertesten je von Menschen erbauten Maschine zunächst auf die Suche nach dem Higgs-Teilchen, ohne das die Elementarteilchen der bisher gültigen Theorie zufolge keine Masse hätten. Entdecken die Physiker am europäischen Teilchenphysikzentrum CERN dieses "Gottesteilchen", kann sich dessen Namensgeber, der britische Physiker Peter Higgs, Hoffnungen auf den Nobelpreis machen.

Erste Hinweise auf das Teilchen könnte der LHC möglicherweise schon im nächsten Jahr liefern, wie der Hamburger Physiker Joachim Mnich sagte. Wenn das Higgs-Boson aber besonders leicht sein sollte, müsse man auf einen Nachweis bis mindestens 2010 warten. Mnich hat einen der beiden Detektoren mitgebaut, die das Geschehen im LHC beobachten sollen.

Keine Angst vor Schwarzen Löchern

Das CERN ist vor der Inbetriebnahme Ängsten entgegengetreten, in dem Beschleuniger könnten winzige Schwarze Löcher entstehen, die Materie und letztlich die ganze Erde verschlingen könnten. Das Auftreten von Schwarzen Löchern sei höchst unwahrscheinlich, hieß es. Entstünden sie, würden sie sofort wieder zerfallen, ohne wachsen zu können. Schließlich spielten sich die im LHC erzeugten Prozesse ständig ab, wenn beispielsweise kosmische Strahlung auf die Atmosphäre treffe.

Weltuntergangs-Szenarien seien daher Unsinn, sagte CERN-Sprecher James Gillies. Führende Physiker wie der Brite Stephen Hawking halten den LHC ebenfalls für sicher. (APA/red)

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  • Am Mittwoch um exakt 9.33 Uhr wurde der erste  Protonenstrahl in den neuen Teilchenbeschleunigergeschickt.
    foto: cern

    Am Mittwoch um exakt 9.33 Uhr wurde der erste  Protonenstrahl in den neuen Teilchenbeschleunigergeschickt.

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