"Garnelen sind ja schon ein ungustiöses Billigfutter"

10. September 2008, 10:19
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Motivforscherin Helene Karmasin im derStandard.at-Interview über teure Heidelbeeren, Kaviar in Fässern und die "von Unkenntnis geprägte" Faymann-Liste

derStandard.at: Frau Karmasin, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Die geheime Botschaft unserer Speisen". Welche Botschaft steckt denn in Kaviar, Gänseleber und Trüffeln?

Helene Karmasin: Jedes System braucht diese Abgrenzung in "Normales" und "Besonderes", auch die Küche. Es geht um Lebensmittel, die zu einer besonderen Situation passen, zu einem besonderen Menschen, einem besonderen Genuss. Es ist für Menschen immer schon wichtig gewesen, das abzugrenzen, früher war diese Abgrenzung zum Beispiel die Trennung in sakral und profan.

Was die Definition eines Luxuslebensmittels angeht: Fast alle vereinen üblicherweise mehrere Merkmale in sich. Erstens: Sie sind selten. Wenn sie den Kaviar mal in Fässern bekommen, wird das nichts mehr. Zweitens: Sie werden oft durch einen besonders aufwändigen Prozess der Verarbeitung gewonnen. Außerdem kommen sie oft von weit her, beziehungsweise sind nur in einem kleinen Gebiet verfügbar.

derStandard.at: Inwiefern treffen diese Punkte dann auf die Liste der SPÖ zu?

Karmasin: Nun, bei einigen passt es. Die Gans hat halt nur eine Leber, Hummer gibt es nicht mehr so viele, Trüffel sind mühsam in der Auffindung. Diese Lebensmittel müssen teuer, luxuriös sein. Allerdings: Diese Liste ist nicht gerade sachkundig zusammengestellt.
Garnelen sind ja schon ein ungustiöses Billigfutter, die werden zu Tiefstpreisen beim Hofer verkauft. Da kann man fast sagen: Entweder man nimmt ein Antibiotikum, oder man isst eine Garnele.
Diese Liste ist eine Anhäufung der Lebensmittel, die den gängigen Begriff von "Luxus" umfassen.

Tatsächlich spielt sich wirklicher Luxus im Lebensmittelbereich in ganz anderen Sphären ab, etwa beim Käse, da können Connaisseure ins Schwärmen geraten. Oder nehmen Sie die Heidelbeeren. Ein Körberl mit echten Heidelbeeren, also nicht diesen gezüchteten dicken blauen Erbsen, kostet sechs Euro. Das sind wahnsinnige Preisdimensionen.

derStandard.at: Gelten diese alten Zuschreibungen von Luxus und Billigware dann überhaupt noch? Beziehungsweise: Wie sinnvoll ist es, eine taxative Liste darüber zu erstellen?

Karmasin: Man signalisiert damit: Diesen Leuten, denen, die im Luxus schwelgen, denen wollen wir nicht unter die Arme greifen. Da kommt man sozusagen der allgemeinen Volksmeinung entgegen. Natürlich ist diese Liste, gelinde gesagt, eigenartig und von Unkenntnis geprägt. Das wird als Signal gemeint sein: Wir sind gegen die Reichen. Euch, die Ihr nur Brot und Kartoffeln esst, Euch wollen wir helfen. Ein sehr holzschnittartiges Signal, typisch für Vorwahlzeiten. (Anita Zielina, derStandard.at, 10.9.2008)

Zur Person

Helene Karmasin ist Motivforscherin und Leiterin von Karmasin Motivforschung, Wien. Das Institut arbeitet im Bereich der qualitativen Marktforschung in Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Buchtipp:

Die geheime Botschaft unserer Speisen
Was Essen über uns aussagt.
Verlag Kunstmann, München 1999.
  • "Ein Körberl mit echten Heidelbeeren, also nicht diesen gezüchteten
dicken blauen Erbsen, kostet sechs Euro. Das sind wahnsinnige
Preisdimensionen."
    foto: standard/urban
    Foto: Standard/Urban

    "Ein Körberl mit echten Heidelbeeren, also nicht diesen gezüchteten dicken blauen Erbsen, kostet sechs Euro. Das sind wahnsinnige Preisdimensionen."

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