"Das ist ein marxistisches Modell"

10. September 2008, 07:21
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Van der Bellen und Strache schenkten sich im ORF-Duell nichts

Wien - Ruhig und emotionslos ging es nur in der Anfangsphase zu. "Seid ihr nicht bei Sinnen", entfuhr es Grünen-Chef Alexander Van der Bellen in der ORF-Konfrontation mit FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache schon nach wenigen Minuten. Der blaue Frontmann hatte am Dienstagabend neuerlich die Vorzüge einer Senkung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel gelobt, über die er derzeit mit der SPÖ verhandelt. "Ich gratuliere zu dieser Wachteleier-Koalition", sagte Van der Bellen. Für ihn ist klar, dass eine Mehrwertsteuersenkung "nie treffsicher" sein kann.

Erwartungsgemäß machte aber auch Strache klar, dass er wenig vom grünen Steuerkonzept hält: "Das ist ein marxistisches Modell", stellte er zu den Forderungen nach Wiedereinführung von Vermögens- und Schenkungssteuer fest.

Noch untergriffiger wurde die Debatte, als man zum Thema Religion kam. Strache lehnt Moscheen mit Minaretten ab, weil diese als "Siegessymbol" des Islam zu werten seien. Van der Bellen reagierte darauf mit einem direkten Angriff: "Bitte schön! Welche ängstlichen Männer vertreten Sie? Ich habe das Gefühl, wenn Sie eine Frau mit Kopftuch sehen, wird Ihnen schon übel vor Angst." Ihn erschrecke ein Minarett jedenfalls nicht. Und weiter: Strache sei mit allen "Rechtsradikalen in Europa", angefangen vom Franzosen Jean-Marie Le Pen bis hin zum Belgier Filip Dewinter und den "Antisemiten" von der bulgarischen Ataka-Partei, "gut Freund" und arbeite an einer "rechtsradikalen Allianz" mit diesen Parteien.

Grüner Appell an Wähler

Auf ungewohnte Weise richtete Van der Bellen einen direkten Appell an die Fernsehzuseher. Diese sollten sich bei der Nationalratswahl am 28. September genau überlegen, ob sie einen Vizekanzer "VdB" (sein Kürzel, Anm.) oder einen Vizekanzler Strache wollten, der für "Provinzialisierung" stehe.

Den Vorwurf, im extremen Eck zu stehen, wollte Strache naturgemäß nicht auf sich sitzen lassen und versuchte, den Spieß umzudrehen. Die grüne Parteijugend plakatiere Slogans wie "Nimm dein rot-weiß-rotes Flaggerl für dein Gackerl" oder "Heimat im Herzen, Scheiße im Hirn". Von Van der Bellen habe es dazu keine Entschuldigung gegeben, beklagte der FPÖ-Chef.

Die Entschuldigung reichte der Grünen-Chef zwar nach, schob aber gleichzeitig die nächste Spitze hinterher. Er habe manche Aktionen seiner Parteijugend zwar auch "mies" gefunden. Aber: "Ich werde immer die Jugend verteidigen, auch wenn sie Scheiße baut." Ihm sei es lieber, der Nachwuchs formuliere Slogans wie die genannten, als er trete mit "Hitler-Gruß" auf, wie das beim Wahlkampfauftakt der FPÖ in Linz der Fall gewesen ist.

Nicht fehlen durfte natürlich auch das Thema Tierschutz. "Wenn es um militante Gewalt geht, hört sich alles auf", sagte Strache. "Sie haben solche Herrschaften auf Ihrer Liste", sagte er und verwies auf den Tierschützer Martin Balluch, der auf der grünen Bundesliste kandidiert. "Da sind Sie der Hetzer", meinte Strache.

Zum Schluss warf dann Van der Bellen seinem Gegenüber vor, die Wähler vor laufender Kamera anzulügen. Strache hatte den Grünen vorgeworfen, mit ihrer Zustimmung zum EU-Verfassungsvertrag die österreichische Neutralität zu Grabe getragen zu haben. Van der Bellen dazu: "Typisch gelogen. Das ist die Unwahrheit." Sein leicht entnervter Nachsatz: "Er wird es nie lernen." (Günther Oswald, DER STANDARD-Printausgabe, 10.9.2008)

 

 

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