Bildung auf den zweiten Blick

9. September 2008, 19:25
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Österreich schleppt Uralt-Probleme mit, aber zentrale Stellschrauben bleiben unberührt - Von Lisa Nimmervoll

Österreich hat zu wenige Akademiker, lautete der Befund der OECD im Jahr 2005. Österreich hat zu wenige Akademiker, kritisierte deren Studie "Education at a Glance" auch 2006. 2007 stand darin, Überraschung: Österreich hat zu wenige Akademiker. Und 2008? Ein Blick reicht: Österreich hat zu wenige Akademiker.

Überraschen kann das niemanden. Denn ein paar Erklärungen für den Ist-Zustand - der für ein rohstoffarmes und im Wettbewerb mit aufholenden und überholenden jungen EU-Staaten stehendes Land wirklich gefährlich ist - werden ja ebenfalls seit Jahren mitgeliefert, ungehört: Der Mangel an vorschulischer Bildung dauert an und schlägt in Kombination mit einem sozial hoch selektiven und ungerechten Schulsystem, das mit seinem Trennungswahn nach der Volksschule staatlich organisierte Begabungsunterdrückung betreibt, natürlich durch bis in die Unis.

Aber vielleicht führt die stete Wiederholung der Defizite im österreichischen Bildungssystem bei den Politikern ja endlich zur Einsicht, dass das eine ursächlich mit dem anderen zu tun haben könnte. Wer mehr Studierende (die dann wirklich Akademiker werden, weil sie ihr Studium unter entsprechenden Rahmenbedingungen auch abschließen können) haben will, muss die Grundlagen dafür schon sehr früh legen - idealerweise mit mindestens zwei Jahren Kindergarten, gratis und ganztags. Das wäre das Eingangstor zum vielzitierten lebenslangen Lernen.

Die Hinweise für die Uni-Politik dürften vor allem die SPÖ interessieren: Die Zahl der Studienanfänger ist gestiegen - und das trotz Studiengebühren. Ja, so die OECD, "bemerkenswert" sei, dass die Studienanfängerquote der Länder mit hohen Studiengebühren und gut ausgestatteten Unterstützungssystemen für die Studierenden sogar höher ist als der OECD-Schnitt.

Ein bildungspolitischer Schandfleck zieht sich dagegen von Studie zu Studie: Die soziale Durchmischung an den Unis ist noch immer monokulturartig. Akademikerkinder werden quasi per Geburt in die "richtige" Familie wieder Akademiker. Ist das die soziale Gerechtigkeit, die die SPÖ mit ihrem Studiengebührenabschaffungsanlauf will? Übrigens, warum zielt sie dann nicht auch auf die Fachhochschulen? Ein zweiter Blick auf Österreichs Hochschullandschaft wäre da lohnenswert.

Aber nicht nur auf die. Die Akademikerquote ist natürlich nicht alles, Studien wie Pisa oder "Education at a Glance" behaupten das auch nicht. Sie zeigen nur die Fakten. Politik mit Weitblick muss weiter denken und Perspektiven entwickeln.

Bildung selbst zeichnet der zweite Blick aus, das Hinter-die-Dinge-Schauen, das Verstehenwollen. Bildung ist im Kern auch etwas Anarchistisches, weil selbst Denken unabhängig macht. Das muss Politik erst einmal wollen, zulassen und fördern. Aber die Grundsatzfrage "Wozu Bildung und welche?" ist schon viel zu lange von ideologischen Grabenkämpfen überlagert, die im Kern noch immer ein schwarzer Abwehrkampf gegen eine gemeinsame Schule ist. Dabei liegt jetzt die x-te Studie vor, die die zu frühe Trennung der Kinder als Fehler brandmarkt. Wie oft muss das eigentlich noch gesagt werden?

Den Politikern, zumal im Wahlkampf, sei Wilhelm von Humboldts Bildungsbegriff in Erinnerung gerufen: Danach ist Bildung "die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen". Eine souveräne Bildungspolitik mutet sich solche autonomen, selbstgewissen Persönlichkeiten zu, indem sie ihnen diese Form der Bildung ermöglicht. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 10. September 2008)

 

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