Geistesblitz: Sphärenforschung mit Bodenhaftung

9. September 2008, 19:36
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Die Geophysikerin Andrea Steiner erhebt und analysiert Daten zu Klimatrends in der oberen Tropo- und der unteren Stratosphäre

Andrea Steiners Forschungsgebiet liegt derzeit in einer Höhe von acht bis 30 Kilometern. In ihrem aktuellen, vom FWF geförderten Projekt "Indicate" analysiert die Atmosphären- und Klimaforscherin mit ihrem Team an der Uni Graz Veränderungen in der oberen Tropo- und der unteren Stratosphäre.

Sie arbeitet hierfür mit der sogenannten Radio-Okkultationsmethode: Dabei werden Signale von GPS-Navigationssatelliten durch die Atmosphäre geschickt. Das Ergebnis sind Daten von hoher Qualität und Auflösung, durch die Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der Atmosphäre - wie Dichte oder thermischer Zustand - und damit eine genauere Analyse von Klimatrends möglich wird.

Die Grundlagen für den Klimabericht 2007 des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) stammen aus unterschiedlichsten meteorologischen Datenquellen. "Daher beinhalten sie noch eine Reihe von Unsicherheiten, die durch eine systematische Datenerhebung ausgeräumt werden könnten."

Obwohl ihre Forschung einen Höhenbereich betrifft, der für viele abstrakt ist, schätzt sie gerade den unmittelbaren Realitätsbezug. Das Bewusstsein, einen Beitrag zur Erforschung des Klimawandels zu leisten, treibt sie an. Von wissenschaftlichen Elfenbeintürmen hält sie sowieso nichts: "Das Thema ist zu wichtig, als dass wir nur abstrakt darüber fachsimpeln können. Es betrifft die konkrete Umwelt eines jeden Einzelnen von uns."

Naturbezug

Die Geophysikerin, die zum Auftanken am liebsten im Garten arbeitet oder in den Bergen wandert, hatte schon immer einen starken Naturbezug. Als älteste von drei Schwestern 1965 in Obdach aufgewachsen, arbeitete sie nach der Matura an der HBLA für landwirtschaftliche Frauenberufe einige Jahre auf dem elterlichen Bauernhof und spielte sogar mit dem Gedanken, diesen zu übernehmen. Dann entschied sie sich aber für ein Studium der Meteorologie, Geophysik und Umweltsystemwissenschaften, "auch weil mein Mann - Werkstoffwissenschafter - keine Ambitionen hatte, Bauer zu werden."

So richtig auf den Geschmack der Forschung kam sie während ihrer Dissertation, als Steiner im Rahmen eines Fellowship der New Yorker Columbia University einige Monate in der Biosphere 2 forschte. Der Glaskomplex war in den 1980er-Jahren in der Wüste von Arizona als Experiment konzipiert worden, um ein von der Außenwelt unabhängiges, sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. Nachdem das nicht klappte, übernahm 1996 die Columbia University das Riesenglashaus, um Klimaforschung zu betreiben.

Die Interdisziplinarität und der Forschergeist, die dort herrschten, haben Andrea Steiner begeistert. Und genau diese Eigenschaften schätzt die erst im Mai zur FEMtech-Expertin des Monats gewählte Wissenschafterin heute am "Grazer Wegener Center für Klima und Globalen Wandel" , wo ihr Projekt angesiedelt ist - international und national stark vernetzt, fachübergreifend und sowohl an Grundlagen- wie Anwendungsforschung orientiert: "Das entspricht genau meiner Auffassung von Wissenschaft." (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2008)

  • Die Geophysikerin arbeitete einige Jahre am Bauernhof, bevor sie sich in luftige Höhen begab.
    foto: ögut

    Die Geophysikerin arbeitete einige Jahre am Bauernhof, bevor sie sich in luftige Höhen begab.

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