Bohrende Fragen nach Terror-Urteil in London

10. September 2008, 19:11
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Mordverschwörung ja, geplante Anschläge auf Flugzeuge nein: Das Urteil einer britischen Jury sorgt für Empörung

Die strengen Vorschriften für Handgepäck sollen vorerst trotzdem nicht gelockert werden.

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Eine islamistische Terrorzelle zerschlagen, alle Anschlagspläne vereitelt, drei Männer der Verschwörung zum Massenmord überführt - eigentlich hatten die britischen Sicherheitsbehörden Grund zur Zufriedenheit über den Ausgang eines Prozesses vor dem Krongericht Woolwich, der am späten Montagabend zu Ende ging.

Stattdessen müssen sich die Terrorjäger von Scotland Yard, den Geheimdiensten und der Generalstaatsanwaltschaft bohrenden Fragen stellen. Denn den Hauptvorwurf gegen die acht Angeklagten, sie hätten zeitgleich sieben Transatlantik-Flieger mit flüssigem Sprengstoff in die Luft sprengen wollen, glaubten die Geschworenen nicht. Die Verhaftung der jungen Briten und die hastig verschärften Vorschriften für Handgepäck hatten 2006 für Chaos an Flughäfen weltweit gesorgt.

Experten wie der pensionierte Bombenexperte Nigel Wylde fühlen sich in ihrer Skepsis bestätigt. Die Herstellung von Flüssigsprengstoff sei "eine höchst gefährliche und komplizierte Angelegenheit, für die man detaillierte Chemiekenntnisse braucht" , sagt der dekorierte Oberstleutnant der Armee. Keiner der Verurteilten verfügte über das Know-how. Der Anklage zufolge hatten die Möchtegern-Terroristen auf dem Flugzeugklo das Haarbleichungsmittel Wasserstoffperoxid sowie einen Sirup vermischen und mittels einer umgebauten Batterie sowie einer Wegwerfkamera zur Detonation bringen wollen. Der Herstellungsprozess sei langwierig und mit abscheulichem Geruch verbunden, so Wylde. "Das wäre entdeckt worden, noch ehe die Schlangen vor den Klos aufgefallen wären."

An den üblen Absichten der Verurteilten hingegen hegte die Jury keine Zweifel. Rädelsführer Abdullah Ali (27) hatte die Aufmerksamkeit der Behörden durch mehrere Pakistan-Reisen auf sich gezogen. Geheimdienste und Kripo unterzogen Ali und dessen Umfeld einer wochenlangen Überwachung. Sie entdeckten ein Haus im Nord-Londoner Stadtteil Walthamstow, in dem die Verschwörer Softdrink-Flaschen zu Sprengstoffcontainern umbauen wollten. Ali und zwei andere junge Muslime wurden auch bei der Aufnahme von sogenannten Märtyrervideos beobachtet - laut Anklage ein eindeutiger Hinweis auf ihre mörderischen Absichten; "ein dummer Scherz" , behauptete die Verteidigung.

Die Observation kam zu einem abrupten Ende, weil die US-Behörden kalte Füße bekamen und die Verhaftung eines Kontaktmannes in Pakistan veranlassten. "Binnen weniger Minuten mussten wir unsere Überwachung abbrechen und die 20 Tatverdächtigen festnehmen" , erinnert sich Ex-Chef-Fahnder Peter Clarke.

Anschließend mussten die Ermittler 200 Mobiltelefone, 400 Computer und 6000 DVDs nach gerichtsverwertbaren Beweisen durchsuchen. Diese reichten für die Verurteilung der drei Haupttäter wegen geplanter Anschläge an ungeklärtem Ort; vier andere hatten sich der Erregung öffentlichen Ärgernisses schuldig bekannt. Der achte Angeklagte wurde freigesprochen.

"Ich danke den Ermittlern dafür, dass sie geplante Anschläge und den Tod vieler Unschuldiger vereitelt haben" , erklärte Innenministerin Jacqui Smith nach dem Urteil. Die wütenden Anklagevertreter kündigten am Mittwoch an, Berufung einzulegen. In der Neuauflage des Verfahrens gegen sieben der ursprünglich acht Beschuldigten will die Anklage die Jury nun davon überzeugen, dass es die Terrorzelle auf die Transatlantikflüge abgesehen hatte.

Ob die strengen Vorschriften für Flugreisende nun gelockert werden können? Das Londoner Verkehrsministerium will davon nichts wissen: Solange die Terrorgefährdung weiterhin als "ernst" gelte, soll sich nichts ändern. (red/Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 10.9.2008)

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