Der falsche Wahlonkel

8. September 2008, 19:28
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Aus einem brandaktuellen Anlass hat "Die Presse" am Wochenende Hans Dichand und seinem Team endlich ihr "Ja, derfen s' denn des?" entgegengeschleudert

Aus einem brandaktuellen Anlass, der auch schon wieder gut abgelegen ist, hat "Die Presse" am Wochenende Hans Dichand und seinem Team endlich ihr "Ja, derfen s' denn des?" entgegengeschleudert. Wie weit darf eine Zeitung gehen? sahen sich ihre Leser mit einer von großer Kühnheit zeugenden rhetorischen Frage schon im Titel des Aufmachers konfrontiert. Denn: Die "Kronen Zeitung", Österreichs einflussreichstes Printmedium, ergreift in ungekannter Vehemenz Partei für die SPÖ und Werner Faymann. Und wird damit selbst zu einem zentralen Wahlkampfthema.

Das aber nur, wenn es einem gewissen Hannes Missethon rasch gelingen sollte, dem Alten, der im Vorhof der Macht die von ihm inspirierten Leserbriefe zum täglichen Leitartikel zusammenschustert, die Maske des volksverbundenen Homme de lettre vom Gesicht zu reißen. Da haben sich aber schon ganz andere bemüht, ohne dass es ihnen gelungen wäre, die SPÖ vom Gegenteil zu überzeugen. Jetzt ist es so weit: Politische Beobachter kritisieren (teils in Alarmstimmung) den Griff des greisen "Krone"-Herausgebers nach der Macht.

Weit entfernt von Alarmstimmung bestand "Die Presse" daher auf ihrer rhetorischen Frage auch im Text: Darf eine Zeitung in Privatbesitz so weit gehen? Antworten auf den nächsten vier Seiten der "Presse". Auf den nächsten vier Seiten fanden sich dann Enthüllungen wie jene: Die größte Zeitung des Landes gehört nur zur Hälfte den Dichands - aber den Inhalt bestimmen sie allein. Was insoferne eine Fehlinformation ist, als bekanntlich nur einer den Inhalt bestimmt, aber das konnte man nicht so genau wissen, denn für ein "Presse"-Interview waren weder Dichand senior noch Dichand junior erreichbar. Bei der Gemahlin des Juniors hat man gar nicht erst angefragt.

Andere Antworten auf die Frage, wie weit nun eine Zeitung in Privatbesitz gehen darf, bestanden in der Nacherzählung der Blattgeschichte, beginnend im Jahre 1958, und der Klärung der Frage, warum Hans Dichand zum EU-Gegner wurde, also vom Hinterhof zurück an die Macht gelangte. Die Antwort der "Presse" darauf fördert Verblüffendes zutage: Der "Krone"-Herausgeber ist in erster Linie Populist. Und er, der Kunstsammler, ist vor allem nicht seines eigenen Geldes Feind.

Derlei enthüllt zu haben, obwohl weder Dichand senior noch Dichand junior für ein Interview erreichbar waren, ist schon allerhand. Aber auch das: Nur dank ihrer Anti-EU-Haltung konnte die "Krone" ihren großen Vorsprung auf die Konkurrenz trotz des Auftauchens von "Österreich" halten. Davon ist Hans Dichand fest überzeugt. Na dann!

Vielleicht doch das Zeichen einer leichten Alarmstimmung, wenn es dann heißt: Mit einem Kanzler Faymann wäre die "Kronen Zeitung" nach Jahren der relativen Bedeutungslosigkeit wieder an der Macht. Und zwar mehr als je zuvor. Wenigstens ein paar andere Fragen - Wie weit reicht der Einfluss der "Krone" tatsächlich? Wie viele Wähler kann sie tatsächlich bewegen? - werden von einem Medienwissenschafter beantwortet: Matthias Karmasin schätzt die politische Macht der "Kronen Zeitung" als nicht besonders groß ein. Ein paar 10.000 Wähler kann sie vielleicht beeinflussen, in großem Umfang aber nicht.

Auch das keine neue Einschätzung. Aber die vier Seiten Neuigkeiten von den Dichands waren ohnehin nur der Vorwand für den Chefredakteur, einen Leitartikel zum Thema Faymann und sein Wahl-Onkel zu dichten und der Welt die Augen für die wahre Bedrohung zu öffnen. Nicht der aus dem Altersstarrsinn geborene Kampagnefuror des Hans Dichand bedroht die österreichische Demokratie, sondern die Feigheit seiner Mitspieler: Journalisten, die etwas werden oder bleiben wollen, produzieren den Schwachsinn, den derjenige von ihnen verlangt, der entscheidet, ob sie etwas werden oder bleiben. Logisch: Den ganzen Mist an Halb- und Unwahrheiten, mit dem die "Krone" ihre Leser manipuliert, muss ja irgendjemand wider besseres Wissen produzieren, so Michael Fleischhacker, und schonungslos stellt er die Schuldfrage: Welche chemischen Substanzen es Claus Pándi, dem Chronik-Chef der "Krone", der sich auf dem SPÖ-Parteitag als eine Art Buchstaben-Riefenstahl hervortat, ermöglichen, sein tägliches Wirken für Journalismus zu halten.

Jetzt, wo es heraus ist, muss es Dichand richtig grausen vor der Feigheit seiner Mistproduzenten. Der greise Medienzar - ein von Pándis Ehrgeiz Getriebener! Den hätte sich Faymann als Wahlonkel nehmen müssen. Aber keine Angst: Mit seiner Pressesprecherin hat er es fast getroffen. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 9.9.2008)

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