Die Gefährdung bleibt

8. September 2008, 19:10
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Die Verstaatlichung von Fannie und Freddie ist trotz Kursfeuerwerks kein Grund für Jubel - Von Leo Szemeliker

Börsianer galten bisher gemeinhin als Adepten einer radikalen Religion, genannt schrankenloser Finanzkapitalismus. Deren Grunddogma war: Entstaatlichung, wo es nur geht, Deregulierung an allen Ecken und Enden. Geht es den Finanzmärkten gut, geht es allen gut.

Dass es nicht so ist, wissen wir spätestens seit dem Sommer des Jahres 2007. Damals krachten die ersten Hedgefonds, die sich massenhaft mit Ramschpapieren aus dem US-Häusermarkt eingedeckt hatten. Dann krachten die ersten europäischen Banken, kreuzbrave Landesinstitute in Deutschland oder große Immobilienfinanzierer im liberalen England, die auch beim Pyramidenspiel mit den schlecht besicherten "Subprimes" mitgemacht haben. Schließlich zerbrachen große US-Investmenthäuser, darunter Namen wie Bear Stearns. Über andere wie Lehman Brothers kursieren Verkaufsgerüchte.

Ein Treppenwitz der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ist nun, dass sich die neoliberalen Adepten eines schrankenlosen Finanzkapitalismus nun wie wild über Verstaatlichungen freuen. Die Nachricht, dass die US-Regierung die beiden riesigen halbstaatlichen Hypothekenhäuser mit den netten Namen Fannie Mae und Freddie Mac ganz unter ihre Fittiche nimmt, hat am Montag weltweit zu starken Kursausschlägen nach oben an den Börsen geführt.

Vor allem die Aktien aus der Banken- und Versicherungsbranche gewannen stark an Wert. Sie mussten in den vergangenen Monaten Federn lassen, weil ihnen die Anleger nicht mehr vertrauten. Sie hatten nicht einmal mehr untereinander Vertrauen, denn niemand wusste vom anderen, welche mittlerweile wertlosen Ramschpapiere auf Basis irgendwelcher überhitzter Immobilienmarktprognosen noch abgeschrieben werden mussten. Also liehen sich die Banken untereinander auch kein Geld mehr, was die Europäische Zentralbank dazu zwang, günstigeres Geld anzubieten, um so einem Austrocknen der Kreditmärkte entgegenzuwirken.

Seit Beginn der Finanzkrise diskutieren Wirtschaftspolitiker und Notenbanker weltweit das Problem eines "moral hazard", der entsteht, wenn man maroden Banken aus der Misere heraushilft, in die sie aufgrund von Gier oder falscher Markteinschätzung geraten sind. Diese "moralische Gefährdung" entsteht, wenn das Risiko eines Unternehmens von der Öffentlichkeit übernommen wird, ein Marktteilnehmer deswegen keine Konsequenzen bei Fehlverhalten befürchten muss, weil ihn "der Staat" ohnehin auffängt.

Im Falle von Fannie und Freddie hatte aber der US-Finanzminister keine Wahl. Die beiden Institute - ursprünglich staatliche Gründungen, nach den Börsengängen weiterhin mit staatlichen Garantien versehen - sind Hauptgefäße des Finanzsystems. Fast die Hälfte aller Hypothekenfinanzierungen der größten Volkswirtschaft der Welt laufen indirekt über F & F, da sich die Banken und Hypothekenbanken über die beiden refinanzieren. Ihre Pleite hätte den Kollaps des gesamten Systems bedeutet, mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Den "moral hazard" musste Washington in Kauf nehmen.

Die Verstaatlichung von Fannie und Freddie mag kurzfristig ein Kursfeuerwerk auslösen, die Probleme, die ein zunehmend entfesselter Finanzkapitalismus auslöst - Stichworte: zahnlose Kontrollbehörden, ausufernde Spekulation, Druck von Hedgefonds und Corporate Raiders auf Unternehmen, schlecht informierte und übervorteilte private Anleger -, werden nicht beseitigt.

Dass eine US-Regierung zu derartig drastischen Maßnahmen greifen muss, sollte eher zu denken geben als Jubel verursachen. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2008)

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