Die Menschen müssen mobiler werden

8. September 2008, 19:06
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Eine beschäftigungspolitische Botschaft aus der EU-Zentrale in Brüssel, verbunden mit einem dringenden Appell auch an Österreich, die Übergangsregelungen auf dem Arbeitsmarkt aufzuheben

Im September und Oktober wird es überall in Europa mehr als 500 Veranstaltungen wie Jobmessen, Seminare, Vorträge, Workshops und Kulturveranstaltungen geben, die alle darauf ausgerichtet sind, Arbeitnehmer zu unterstützen, die sich quer durch die EU bewegen. Unter dem Banner der Europäischen Jobtage 2008 werden zahlreiche Organisationen, örtliche Unternehmen, öffentliche und private Arbeitsvermittlungsstellen, Organisationen der Sozialpartner, Universitäten, Bildungs- und Ausbildungszentren sowie Handelskammern teilnehmen. Über 200.000 Teilnehmer werden zu den Europäischen Jobtagen erwartet.

Die Jobtage finden nunmehr jedes Jahr statt, um Arbeitgebern und Arbeitnehmern die Vorzüge der beruflichen Mobilität innerhalb der EU zu erläutern und um ihnen die Möglichkeit zu geben, einander zu begegnen und miteinander zu sprechen. Die Jobtage bringen auch viele von ihnen in Kontakt mittels des Eures-Beraternetzwerks, das Arbeitsuchenden, die andere berufliche Erfahrungen sammeln möchten, sowie Arbeitgebern, die auf der Suche nach den besten Talenten - ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit - sind, mit Rat und Tat zur Seite steht. Eures schlägt eine Brücke zwischen beiden Gruppen und trägt so zu einem besser funktionierenden europäischen Arbeitsmarkt und damit zum Wohl der Bürger und der Wettbewerbsfähigkeit Europas bei. Warum ist Mobilität wichtig?

Die große Mehrheit der Europäer verbindet die Idee der Europäischen Union mit der Bewegungsfreiheit innerhalb der Mitgliedstaaten. Berufliche Mobilität ist aber wichtig, um Beschäftigung und Wachstum anzukurbeln, eines der Ziele Europas. Die heutigen europäischen Arbeitsmärkte bieten viele Möglichkeiten und neue Erfahrungen für Arbeitnehmer. Um diese Chancen nutzen zu können, müssen die Menschen mobiler werden, also von einem Arbeitsplatz zum nächsten und von einer Region zur anderen wechseln.

Da das Angebot an und die Nachfrage nach europäischen Arbeitnehmern nicht gleichmäßig über die Länder und Regionen verteilt sind, können fehlende Arbeitskräfte in Sektoren wie dem Gesundheitswesen oder dem Ingenieurswesen nicht immer vor Ort gefunden werden. Unter diesen Bedingungen führt eine Verstärkung der geografischen Mobilität zu einer besseren Übereinstimmung zwischen Fachkräften und Stellenangeboten. Mobilere Arbeitskräfte sind zunehmend wichtig, insbesondere wenn man bedenkt, dass Menschen ohne Arbeit bleiben, obwohl es freie Stellen gibt.

Mehr Chancen

Der typische mobile Arbeitnehmer ist jünger und höher qualifiziert und bleibt für kürzere Zeit im Ausland. Mit solchen Arbeitnehmern finden Arbeitgeber die von ihnen gesuchten Fachkenntnisse, wann und wo sie sie benötigen. Mobilität ist oft mit einer Rückkehr in das Herkunftsland verbunden und zieht mehr und mehr Menschen ohne Arbeit an, ungeachtet dessen, ob sie arbeitslos oder auf der Suche nach einer ersten Stelle sind. Es zeigt sich, dass Arbeitslose, die in ein anderes Land gehen, viel schneller Arbeit finden als jene, die in ihrem Heimatland bleiben.

Berufliche Mobilität ist demnach wesentlich auf dem heutigen Arbeitsmarkt. Viele haben bereits entdeckt, dass das Arbeiten in einem anderen europäischen Land dem Einzelnen die Chance gibt, eine neue Sprache zu lernen, eine neue Kultur zu entdecken und neue Fähigkeiten zu entwickeln. Immer mehr Menschen haben bereits die Möglichkeiten, die die Mobilität bietet, erkannt. In diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen wir deshalb mehr denn je auf diesen Erfahrungen aufbauen und eine echte Mobilitätskultur in Europa entwickeln.

Mobilität sollte zum selbstverständlichen Bestandteil der beruflichen Laufbahn von allen Europäern werden. Veranstaltungen, wie sie bei den Jobbörsen stattfinden, können sich hier als wegweisend erweisen. Arbeitnehmer und ihre Familien benötigen dann Zugang zu Dienstleistungen in allen Phasen ihrer Mobilität. Außerdem muss das Problem der Rückkehr - namentlich die Wiedereingliederung der Arbeitnehmer nach ihrer Arbeit im Ausland in den Arbeitsmarkt zu Hause - in geeigneter Weise berücksichtigt werden.

In diesem Zusammenhang begrüße ich die Tatsache, dass Arbeitnehmer aus den Ländern, die der Europäischen Union 2004 beigetreten sind, nunmehr nur noch in Belgien, Dänemark, Deutschland und Österreich Einschränkungen erfahren. Einige Einschränkungen gelten nach wie vor für Arbeitnehmer aus Bulgarien und Rumänien, die der EU 2007 beigetreten sind.

Ich möchte die Länder, die immer noch Übergangsregelungen anwenden, dringend bitten, diese aufzuheben. Denn durch die Mobilitätserfahrung werden nicht nur individuelle Kompetenzen und Fähigkeiten entwickelt, sondern die Europäer werden auch mehr daran beteiligt, das Schicksal ihres Kontinents zu gestalten. (Vladimír Spidla, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2008)

Zur Person

Vladimír Spidla ist EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Chancengleichheit.

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    Kommissar Spidla: "Abschaffung der geltenden Einschrän-kungen wäre nicht nur ein Beitrag zur Ankurbelung von Wachstum und Beschäftigung, sondern auch ein Schritt zu mehr Partizipation."

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    "Es wird 2009 einen ordentlichen Verlierer geben." - Deutschlands Sozialdemokratie im politischen Nirgendwo: "Führungslos, planlos, richtungslos, erbarmungswürdig..."

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