Alternatives Fest an symbolträchtigem Ort

8. September 2008, 19:00
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Die Romagemeinde feierte mit Musik und Tanz auf dem Wiener Mexikoplatz

Wien - Auf den Stufen der Franz-von-Assisi-Kirche herrscht dichtes Gedränge. Jeder will einen Blick auf die Bühne erhaschen, die sich nur durch ein kleines Podest von der umherstehenden Zuhörerschaft abhebt. Diese tanzt sich bereits zu den fröhlich-melancholischen Klängen in Stimmung, die sogar das undefinierbare Potpourri an lautstarken Hintergrundgeräuschen vom nah gelegenen Donauinselfest übertönen.

Jung und alt, autochthon und zugewandert, Roma und Nichtroma haben sich am Sonntagnachmittag eingefunden, um dem diesjährigen Open-Air-Fest der Romagemeinde auf dem Mexikoplatz beizuwohnen. An die tausend Besucher folgten der Einladung des in Wien ansässigen Vereins Romano Centro in den zweiten Bezirk.

Den musikalischen Auftakt bildete Adrian Gaspar mit seiner Gypsy Combo, die das Publikum mit einer bunten Ethno-Funk-Jazz-Mischung zum Tanzen animierte. Mit traditionellen, zum Teil mehr als 150 Jahre alten Liedtexten begeisterte die in Ungarn geborene Sängerin Ruzsa Nikolić-Lakatos die stets wachsende Fangemeinde. Die "Botschafterin der Roma" will mit ihren weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannten Kompositionen, die von Freud und Leid erzählen, die musikalische Tradition ihrer Romafamilie an die nächste Generation weitergeben.

Bei typischer Balkanküche, selbstgemachten Mehlspeisen und ausgelassener Tanzbegeisterung wurde am späten Nachmittag der Auftritt einer Jugendgruppe aus Novi Sad mit Spannung erwartet. Jedoch vergebens. Die Teilnahme der Musiker an dem von SPÖ, der Stadt Wien und den Grünen mitgesponserten Festival scheiterte, weil die Jugendlichen kein Einreisevisum erhielten.

Doch weder dieser Umstand noch der aufkommende Sturm konnten der guten Stimmung Abbruch tun. Lediglich die geplante Pause entfiel, um den finalen Höhepunkt der musikalischen Rundreise, den Auftritt von Aca Cergar, noch vor Regenbeginn über die Bühne zu bringen. Begleitet wurde der serbische Musiker von den singenden Zwillingsschwestern Barbike. Das gelungene Abschlusskonzert konnte daher auch über das vorzeitige Ende der Veranstaltung hinwegtrösten.

Die Wahl des Veranstaltungsortes war kein Zufall, wie der Obmann des 1991 gegründeten Romavereins Comano Centro, Ilija Jovanović, erklärt. Als bewusst gewähltes Symbol für das Nichtvergessen der Schrecken der NS-Herrschaft soll der Mexikoplatz daran erinnern, dass Mexiko 1938 als einziges Land vor dem Völkerbund Protest gegen den Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland einlegte. Schätzungen gehen davon aus, dass nur zehn bis 20 Prozent der österreichischen Roma und Sinti das nationalsozialistische Terrorregime überlebten.

Viele Vorurteile hätten sich jedoch bis heute gehalten, wie Ilija Jovanović aus eigener Erfahrung weiß. Umso wichtiger sei es daher, mit Veranstaltungen wie dieser lautstark dagegen anzukämpfen. (Marion Gollner/DER STANDARD, Printausgabe, 9.9.2008)

  • Generationenübergreifende Tanzbegeisterung: ausgelassene Stimmung beim Romafest auf dem Mexikoplatz.
    foto: standard/fischer

    Generationenübergreifende Tanzbegeisterung: ausgelassene Stimmung beim Romafest auf dem Mexikoplatz.

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