Mannsbildhinterfragung in Anzug und Adamskostüm

8. September 2008, 18:42
posten

Christian Falsnaes ackert sich selbstironisch durchs Mann- und Menschsein

Wien - Am Ende stürzt das „rationale Tier" gewaltvoll in zwei Hälften geteilt zu Boden. Christian Falsnaes, neuer H13-Performance-Preisträger, hat den Begriff, an dem er sich rund zwanzig Minuten lang abgearbeitet hat und den er zuletzt in weißen Lettern auf den Schreibtisch pinselte, mit der Stichsäge massakriert. Hat das Tier im Mann hier über die Ratio gesiegt?

Aber vor dieser schweren Frage steht ein komplexer philosophischer Ausflug, eine wilde, ekstatische Reise mit René Descartes im Gepäck, die in voller Fahrt Paul McCarthy und Jean-Luc Godard Kusshände zuwirft.

Musik, Gesang, Blowjob und Striptease

Was Christian Falsnaes in seiner Preisträger-Performance Rational Animal an Überlegungen zur Realität, zur Wahrheit, zu Normen, Erfahrungen, männlichen Rollenbildern und Identitäten in rasantem Tempo auftischt und mit Musik, Gesang, Blowjob und Striptease untermalt, kommt nicht von ungefähr. Vom Philosophiestudium über die Graffiti-, Hausbesetzer-, und Musik-Szene in Zürich stieß der 1980 in Kopenhagen geborene Däne zur bildenden Kunst.

In Wien studierte er an der Akademie der bildenden Künste und blieb. All diese Erfahrungen und Einflüsse mixt er in ein Crossover-System, gespeist mit Elementen aus Theater, Musik, Literatur, Film, Foto, Malerei, Zeichnung, Werbung und Alltagskultur. Ein Mix, der auch die enge Zusammenarbeit (2003-2007) mit der Vorarlberger Performancekünstlerin Bella Angora bestimmte. Als Tarzan und Jane randalierten sie im Kampf mit jungen Bäumen (2003) oder benitschten sich in Chicken actionism (2004) als gefesselte blinde Hühner in weißen Büßergewändern mit rohen Eiern und Ketchup.

Wiener Aktionismus im Zitat

Solch humorvolle Zitate des Wiener Aktionismus sowie Auseinandersetzungen mit anderen Werken der österreichischen wie internationalen Performancegeschichte finden sich immer wieder in Falsnaes Arbeit. In seinen performativen Installationen dient dokumentarisches Videomaterial häufig als kommentierendes oder irritierendes Rahmenwerk: „Oft vermische ich sich widersprechende Bilder, um neue Bedeutungen zu kreieren und auf Verbindungen hinzuweisen, die nicht offensichtlich sind." So wird der finale, brachiale Zerstörungsakt in Rational Animal mit der Imitation eines solchen, einer reinen Zerstörungsgeste untermalt:2002 besprühte er in der Aktion Invisible Wholecar (gemeinsam mit Martin Fraenkel und so:ren) die Kopenhagener U-Bahn mit nichts - mit nichts als Luft.

„Realität ist ein System von Normen, das bestimmt, wie wir die Erfahrungen, die wir erwerben, wahrnehmen. In meiner Arbeit versuche ich diese Normen zu spiegeln, sie darzustellen und zu übertreiben, um ihre Absurdität auszudrücken", sagt Falsnaes, der Künstler. Der Performer spricht mit Descartes:„If I perceive something clearly and distinctly, I cannot help believing into the truth." Während er dies in Endlosschleife skandiert, brechen andere Bilder das männliche Gehabe im peinlichen Wrestler-Kostüm. Falsnaes prostituiert sich als Stripper, und Debbie Harrie singt dazu: „Fade away and radiate". Wann war männliche Selbstironie je unterhaltsamer? (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD/Printausgabe, 09.09.2008)

 

Installationsfragmente und ein Mitschnitt der Performance sind noch bis Samstag, 13. 9., zu sehen.

Share if you care.