Musikalische Perspektiven des Dialoges

8. September 2008, 18:24
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Die "Klangspuren", das Tiroler Festival für zeitgenössische Musik, widmen sich heuer - neben Komponisten aus der Region - dem wenig bekannten Musikleben in Israel und Palästina

Schwaz – Glückliches Tirol! Während in anderen ländlichen Gebieten kulturelle Ebbe herrscht, sprießen hier die Initiativen aus dem felsumsäumten Boden. Es ist aber nicht nur die musische Grundversorgung, die als gesichert gelten kann. Im Gegenteil: Etliche Veranstalter legen beachtlichen Wagemut an den Tag und stoßen damit auf eine überraschende Offenheit.

Seit 15 Jahren zeigen die Klangspuren, wie viel Neugier auch für neue Musik geweckt werden kann, wenn man es richtig anstellt. Richtig heißt hier: ein stilistisch breites Programm ohne Kompromisse in der Qualität oder die Bespielung origineller Orte von der Fleckviehversteigerungshalle bis zur Fabrik.
Richtig heißt, da man nicht nur Spezialisten ansprechen will, außerdem die Einbindung lokaler Kräfte: Auf der Basis eines funktionierenden Sponsorings sind etliche Musiker und Musikschaffende aus der Region präsent; sogar die Werkskapelle des Glas und Glitzersteinchen fabrizierenden Hauptsponsors hat ihren Auftritt.

Daneben gelingt es dem Team um Peter Paul Kainrath und Maria-Luise Mayr aber ebenso, ein ziemliches Maß an Internationalität einzuweben: Über die Jahre war schon beinahe das gesamte Who's who der Neuen Musik vertreten. Und heuer fungiert kein Geringerer als der Amerikaner Steve Reich als Composer in Residence.

Ein Motor des Festivals

Gerne wenden die Klangspuren-Macher den Blick auch in unbekanntere Weltgegenden: Die Länderschwerpunkte, die in den letzten Jahren vor allem dem osteuropäischen Raum galten, stoßen auf großes Interesse. Diesmal ist das Thema allerdings besonders brisant, gilt es doch einer Region, die zwar aus politischen Gründen omnipräsent ist. Was aber in Israel und, noch viel mehr, in Palästina eigentlich künstlerisch vor sich geht, ist wohl für viele Neuland.

Reinhard Schulz, Musikredakteur und wichtiger Motor des Festivals, hat dort Kontakte geknüpft, sich auch vor Ort ein Bild gemacht, wie das unter teils schwierigsten Bedingungen stattfindende Musikleben funktioniert, und nach Komponisten und Musikern gesucht. Er ist dabei etwa auf Samir Odeh Tamini gestoßen, der aus einem arabischen Dorf nahe von Tel Aviv stammt und nun in Berlin lebt.

Eindringliche Düsternis

Im Eröffnungskonzert stellte er sich mit einem düsteren Werk mit dem Titel Láma poím (hebräisch für „Warum brüllen") vor, bei dem sich die arabische Laute Oud von Samir Mansour eindringlich den sich dunkel dahinwälzenden Orchestermassen entgegenstemmte.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck machte hier die gewohnte gute Figur und gewann dadurch noch an Profil, dass ein Dirigent vom Format Johannes Kalitzkes mit aller Entschiedenheit zur Präzision auch bei einer interessanten Gemeinschaftskomposition schaltete und waltete: Der Südtiroler Herbert Grassl und der Ägypter Hossam Mahmoud, Ersterer Professor, Zweiterer ehemaliger Student am Salzburger Mozarteum, entspannten in Eingeklemmt einen packenden Dialog, wobei ein gemeinsam geschriebener Teil mit seiner Überlagerung der Materialschichten der perspektivenreichste war.

Fetziges Quartett

Viele Blickwinkel auf zeitgenössische Musik ergaben sich auch beim Bezirksmusikfest am Sonntag, in dessen Mitte der Osttiroler Komponist Bernhard Gander mit Händen zu greifende Vitalität und Wildheit entfachte. Zumal seine Werke in die Finger jenes Streichtrios gelegt waren, das sich rätselhafter Weise „Trio Eis" nennt, aber feurig intensiv zu musizieren vermag, etwa das Poème concret mit seiner explosiven Elektronik oder das fetzige Quartett schöne worte. Hier stieß die Pianistin Hsin-Huei Huang dazu, die auch Peter Parker zu quirligem Leben erweckte.

Rundherum beschäftigten sich verschiedene Formationen, darunter das von Karlheinz Siessl geleitete, klangschöne Orchester der Akademie St. Blasius, das Schlagzeugensemble „The Next Step" oder die Svarovski Musik Wattens in einem zehnstündigen Mammutprogramm mit mehr oder weniger gelungenen Novitäten und neueren Stücken. Nicht alles für die Ewigkeit, aber doch einiges für glückliche Momente. Als etwa die slowakische Geigerin Ivana Prištasová Rebecca Saunders' Duo für Violine und Klavier intonierte, entstand ein solcher. (Daniel Ender/DER STANDARD/Printausgabe, 09.09.2008)

Noch bis 21. September

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klangspuren.at

  • Hoffnungsstifterin Musik: „Klangspuren"-Macher Reinhard Schulz vor einer Musikschule in Ramallah mit Leiterin Celine Dagher.
    foto: standard
    Foto: Klangspuren

    Hoffnungsstifterin Musik: „Klangspuren"-Macher Reinhard Schulz vor einer Musikschule in Ramallah mit Leiterin Celine Dagher.

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