"Lasst uns nicht so viel über Politik reden"

8. September 2008, 17:27
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Russen sehen kein Ende des Booms an Investitionen

Rostov - Der Weg zu Igor Burakov führt über Geldscheine. In einer in den Boden eingelassenen Vitrine sind sie die Schwelle zu seinem Büro. Fotos an den Wänden zeigen Geschäftsmänner beim Unterzeichnen von Verträgen, die Fenster rundum erlauben freie Sicht auf riesige Baustellen.

Burakov ist dick im Containergeschäft. In seinem Zweitjob holt er Investoren nach Russland. Das Gesicht gebräunt, die Augen blitzblau, wechselt er vom Russischen übers Deutsche ins Englische.

Die private Agentur des Russen verspricht ausländischen Konzernen den einfachen Weg nach Rostov. Rund zwei Mrd. Dollar an Investitionen hat er für die Region am Schwarzen Meer an Land gezogen. 80 Firmen wollen aktuell nach Rostov, sagt er, etwa aus der Automobil- und Nahrungsmittelindustrie.

Die internationale Finanzmarktkrise habe bewirkt, dass in Kasachstan der Großteil der Projekte auf Eis liege. In Russland aber laufe alles wie geschmiert. Kein einziger Investor in Rostov sei abgesprungen, die Zahl der Delegationen nehme zu. Daran ändere auch der Konflikt mit Georgien nichts. Die Krise habe nichts mit Russland zu tun, so sein knapper, scharfer Kommentar.

"Lasst uns nicht so viel über Politik reden" , meint Sergej Jastrebov freundlich aber bestimmt. Der Vizebürgermeister von Yaroslavl, einer Stadt mit 600.000 Einwohnern 1300 Kilometer nördlich von Rostov, erzählt lieber vom Bauboom - der sei nämlich derzeit ganze drei Mrd. Euro schwer. Yaroslavl erweitert die Wohnfläche jährlich um 30 bis 40 Prozent. Autobahnen entstehen, die Zahl der Hotels wird verdreifacht, 50 historische Gebäude werden saniert. Als größter Investor baut der deutsche Einkaufszentren-Entwickler ECE ein Center im Stadtkern um 220 Mio. Euro. 2010 pünktlich zur Jahrtausendfeier von Yaroslavl soll alles stehen.

Die Finanzmarktkrise treffe seine Region nicht einmal am Rande, ist sich Jastrebov sicher. Er müsse Investitionsvorhaben in Ermangelung des Platzes sogar ablehnen. In Verhandlung sei etwa eine Produktion von Mitsubishi. Chinesen sicherten sich laufend Grundstücke. Auch ein Linoleum-Hersteller aus Österreich wolle in seine Stadt.

Bürokratische Hürden sieht der Politiker nicht. Er wolle die Investoren nicht mit technischen Details überlasten. Dass es seiner Region massiv an Arbeitskräften fehle, sei jedoch nicht zu bestreiten. "Unsere Betriebe versuchen mehr zu bezahlen und Sozialpakete zu schnüren." Doch das Problem werde sich in Zukunft weiter verschärfen.

Jörg Banzhaf hat den russischen Markt seit 2004 auf dem Radar. Der Chef der ECE Projektmanagement International wird neben Yaroslavl ein Einkaufscenter in Togliatti errichten, im Visier sind auch Städte wie Rostov. Ein leichtes Pflaster ist Russland für seinen Konzern jedoch nicht, vor allem nicht in Zeiten turbulenter Finanzmärkte.

Liquidität fehlt

Kredite seien in Russland teurer als in anderen Ländern, die Banken agierten restriktiv, berichtet Banzhaf. Im Bau seien die Kosten um bis zu 20 Prozent höher als in Deutschland, sie schnellten jährlich um bis zu 16 Prozent nach oben. Gesetze würden zudem von Stadt zu Stadt individuell angewandt, ergänzen Kollegen. Letztlich seien Renditen von mehr als zehn Prozent nötig, um das höhere Risiko abzudecken.

Was die ECE wie andere Investoren lockt ist die rasant wachsende Kaufkraft. Sparen ist unpopulär, die Ausgaben vieler Russen steigen schneller als die Einkommen, zeigen Studien. Bis zu 70 Prozent der Gehälter fließen in den Konsum. (Verena Kainrath, Rostov, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2008)

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