Staat eilt russischem Kapitalmarkt zu Hilfe

8. September 2008, 17:21
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Mit einer riesigen Kapitalspritze will Russland am Finanzmarkt intervenieren. Die Banken sollen fünf Milliarden Euro aus dem Ölfonds erhalten

Mit einer riesigen Kapitalspritze will Russland am Finanzmarkt intervenieren. Die Banken sollen fünf Milliarden Euro aus dem Ölfonds erhalten. Die Geschäftschancen für österreichische Firmen sind dennoch intakt.

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Der russische Staat versucht mit Interventionen am Kapitalmarkt die Folgen der jüngsten Kursstürze abzufedern. Bereits im Oktober will Russland Staatsmittel in die Papiere russischer Firmen investieren. Das Geld soll aus dem Fonds für nationalen Wohlstand kommen, der mit den Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen gespeist wird. Wie hoch die Kapitalspritze ausfällt wird das Finanzministerium noch bestimmen. Dem Bankensektor sollen bis Jahresende 180 Milliarden Rubel (fast fünf Milliarden Euro) zur Verfügung gestellt werden, sagte Alexej Uljukajew, erster Stellvertretender Vorsitzender der Zentralbank.

Nach einem turbulenten Sommer mit massiven Kursverlusten erlebte der russische Markt vergangene Woche erneut einen schwarzen Freitag. Nachdem der Rubel gegenüber dem Dollar um 2,6 Prozent eingebrochen war, begann die russische Zentralbank zu intervenieren. Nach Angaben aus Moskauer Händlerkreisen hatte die Zentralbank Rubel im Gegenwert von vier bis fünf Mrd. Dollar gekauft, um die russische Währung zu stützen. Im Verhältnis zum Dollar wertete der Rubel nun seit Mitte Juli bereits um mehr als zehn Prozent ab.

Dennoch halten russische Analysten eine Wiederholung der Währungskrise von 1998 in Russland für unwahrscheinlich. Im Gegensatz zu damals verfügt Russland heute über einen komfortablen Sicherheitspolster von rund 582 Milliarden US-Dollar in Form von Währungs- und Goldreserven.
Noch dramatischer sind derzeit die Kursstürze am Aktienmarkt. Seit dem Erreichens des Jahreshochs Mitte Mai ist der russische Leitindex RTS um 41 Prozent eingebrochen. Zuerst führte Wladimir Putins Kritik am Kohlekonzern Mechel und der Aktionärsstreit bei der britisch-russischen Ölfirma TNK-BP zu Kursverlusten. Dann flohen Investoren wegen der Georgien-Krise aus dem Markt.

Schlechte Stimmung

Laut Chris Weafer von der Uralsib Bank ist das die größte Korrektur seit zehn Jahren. "Dank eines langen Sommers voller schlechter Nachrichten wird Russland nun als Hochrisikokategorie angesehen. Es ist mehr die Stimmung als die fundamentalen Daten, die die Märkte bewegen", sagt Weafer. Die jüngsten Verluste des RTS - minus elf Prozent in der ersten Septemberwoche - sind laut Weafer aber vor allem auf die globale Finanzkrise und den sinkenden Ölpreis zurückzuführen. Investoren haben begonnen, sich aus Schwellenländer-Märkten zurückzuziehen.

Keine Auswirkungen auf die Tätigkeit der österreichischen Unternehmen in Russland erwartet Johann Kausl, österreichischer Handelsdelegierter in Moskau. "Der russische Kapitalmarkt war immer schon ein Glückspiel" , sagt Kausl. Die derzeitige Korrektur auf den Märkten verhindere eine Überhitzung der russischen Wirtschaft. Trotz eines Liquiditätsengpasses, der sich schon seit einem Jahr bemerkbar mache, und eines hohen Zinsniveaus seien die österreichischen Ausfuhren nach Russland im ersten Halbjahr 2008 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um 20 Prozent gestiegen.

Auch die rund 20 russischen Kunden des Baukonzerns Strabag seien von den Kapitalmarktturbulenzen nicht betroffen, sagte eine Strabag-Sprecherin. Sie verfügten über ausreichend Kapital. Derzeit werde das Wachstum der Strabag in Russland lediglich durch die eigenen Kapazitätsgrenzen bestimmt. Der Auftragsbestand liegt bei zwei Milliarden Euro. (Verena Diethelm, Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.9.2008)

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