"Ein Spiegel unserer Zeit. Laut und Leer"

7. September 2008, 22:27
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Von "Ekelhaft" über "Jesus hat dich lieb-Look" bis "Magistratsbeamten- werbung": etat.at fragte Werber, was sie von den Wahlkampagnen halten

"Poltische Werbung ist Arbeiten unter Extrembedingungen", meint Antiona Tritthart, Geschäftsführerin von Traktor, gegenüber etat.at, "die Agentur muss bereits vorausgewählte Laien-Models als Testimonials inszenieren. Und das in einer Zeit, in der Bilder längst mehr zählen als Worte. Wo eine Krawatte locker die eigentliche Botschaft in den Hintergrund drängt.

Bemerkenswert werde eine Umsetzung deshalb nur, wenn "entweder eine der besten Fotografinnen des Landes anpackt, Krawatte hin oder her. Oder wenn so unbeschwert an strahleblauen Augen in einem Fall und romantischen Kornfeldern im anderen Fall herum retuschiert wird, bis die Zielgruppe die Rosamunde-Pilcher-Ästhetik bekommt, nach der sie wohl verlangt". 

"Foto überraschend enttäuschend"

Robert Hartinger, er ist Kreativdirektor der JWT, zur Kampagne der SPÖ: "Aha. Weg vom Strick hin zur Punkterl-Krawatte. Strick war der breiten Masse offenbar zu steil. Foto überraschend enttäuschend. Da gibt es Schnappschüsse, auf denen Fayman fescher aussieht als auf den Fotos der - angeblich - so superen Starfotografin". Die Fotos stammen von Elfie Semotan, die Kampagne von Demner, Merlicek & Bergmann.

"Magistratsbeamtenwerbung"

"Aus gestalterischer Sicht funktionieren für mich die Plakate der SPÖ am schnellsten, weil sie sehr reduziert und plakativ sind", meint Florian Greimel von hey darling, "textlich vielleicht sogar zu reduziert, im Gegensatz zu den Mitstreitern. Inhaltlich präsentiert 'Genug gestritten' Faymann als den großen Versöhner, den die traditionell kämpferische SPÖ als zahnlosen Löwen in die Arena schickt. Süße Plüschfaymanns als Give Aways kommen dann im Wahlkampfendspurt." Kurz fällt die Analyse der SP-Plakate von Franz Hochwarter (h,vk_w) aus: "Magistratsbeamtenwerbung".

ÖVP mit ‚Jesus hat dich lieb'-Kirchenzetterl-Look

"Zu viele ängstliche Köche kochen auf einer kleinen Kochplatte", so Hochwarter zu den Plakaten der ÖVP, sie stammen von Markus Gull. "Es reicht. Ja, mir auch", meint Robert Hartinger zur ÖVP-Werbung, "der erste Plakat-Flight kommt im seltsamen 70er-Jahre 'Jesus hat dich lieb'-Kirchenzetterl-Look daher, inlusiver schräger Typo und zuviel Text".

Die rein typografischen Plakate der ÖVP auf blau-schwarzem Hintergrund sind auch Florian Greimel schnell ins Auge gesprungen. "Obwohl ich sie inhaltlich vorerst mit der FPÖ in Verbindung gebracht habe. Der einzige Unterschied ist, dass sie sich noch nicht so gut reimen. Wenn ich einen Preis an den am unglücklichsten fotografierten Politiker in diesem Wahlkampf vergeben müsste, wäre es der schmollende Wilhelm Molterer. Selbst ich mit meiner kleinen Digitalkamera könnte ihn vermutlich lebendiger ablichten."

"Ekelhaft"

Greimel: "Bei Stra-CHE und seiner Eurer Partei reimen sich zumindest die Sprüche, auch wenn ich auf den Rest keinen Reim finde." Hartinger mag Reime nicht besonders, seine Analyse der FP-Kampagne: "So furchtbar ich die Plakate gestalterisch finde, so richtig sind sie wahrscheinlich für die anvisierte Zielgruppe. Der Österreich-Adler mit "Thumps-Up"-Pose ist ein bisserl gar viel."

Hochwarter findet die FP-Plakate einfach nur "ekelhaft", genauso wie die des BZÖ. Und Robert Hartinger fragt sich: "Deinetwegen! Seinetwegen. Meinetwegen. Aber warum sitzt Jörg Haider beim Heurigen und trinkt einen Liter Most? Allein?".

Grüne "schön, aber harmlos"

BZÖ, Grüne und LIF führen für Florian Greimel einen nicht auffälligeren Wahlkampf als sonst. "Rein grafisch spricht mich da das Wahlplakat des Liberalen Forums noch am ehesten an." Hochwarter findet die LIF-Plakate "lieb". Und für Robert Hartinger hat das Foto von Heide Schmid "ein bisschen was vom entsättigten 2003er-Wallpaper-Look." Hartinger: "Kühl. Zu kühl? Text packt mich nicht wirklich. LIF-Logo gab es auch schon mal ein besseres. Fällt nicht sonderlich auf." Auch das Plakat der Grünen lässt ihn kalt, "mit mir nicht! Van der Bellen mag irgendwie gar nichts. Ich würde gerne wissen wofür die Grünen stehen und nicht, was sie alles nicht wollen". Franz Hochwarter zur Grünen-Kampagne: "Schön, aber harmlos".

"Laut und Leer"

"Auch bei dieser Wahl gilt: so viele Botschaften, so wenig Platz", resümiert Traktor-Chefin Tritthart, "das führt dann schon mal dazu, dass Werbeprofis auf Plakaten statt prägnanten Botschaften Kurzgeschichten abdrucken. Und damit leider das Feld denen überlassen, die ihre Botschaften so ausdrücken können, wie die Menschen wirklich reden." Oder wie Franz Hochwarter meint: "Generell ein Spiegel unserer Zeit. Laut und Leer!".  (Astrid Ebenführer, derStandard.at, 8.9. 2008)

Zum Thema
"Politiker, die nicht auffallen, bewegen nichts - SP-Werber Mariusz J. Demner und der Werber der ÖVP, Markus Gull, erklären im derStandard.at- Interview, warum ihre Partei gewinnen wird und was politische Werbung so spannend macht

 

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    Robert Hartinger, CD von JWT: "Foto überraschend enttäuschend. Da gibt es Schnappschüsse, auf denen Fayman fescher aussieht". Franz Hochwarter: "Magistratsbeamtenwerbung".

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    ÖVP-Plakat: "'Jesus hat dich lieb'-Kirchenzetterl-Look inlusiver schräger Typo und zuviel Text".

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    Greimel: "Bei Stra-CHE und seiner Eurer Partei reimen sich zumindest die Sprüche, auch wenn ich auf den Rest keinen Reim finde."

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    "Deinetwegen! Seinetwegen. Meinetwegen. Aber warum sitzt Jörg Haider beim Heurigen und trinkt einen Liter Most? Allein?", fragt sich Robert Hartinger.

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    "Entsättigter 2003er-Wallpaper-Look"

  • "Van der Bellen mag irgendwie gar nichts. Ich würde gerne wissen wofür die Grünen stehen und nicht, was sie alles nicht wollen", so Hartinger.

    "Van der Bellen mag irgendwie gar nichts. Ich würde gerne wissen wofür die Grünen stehen und nicht, was sie alles nicht wollen", so Hartinger.

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    In der zweiten Plakatwelle folgt die Antwort.

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