"Lasst Behinderte aus ihren Häusern"

7. September 2008, 20:25
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Am Samstag wurden in Peking die 13. Para­lympics eröffnet. Die elftägige Veranstaltung wird von Chinas Behinderten als Chance ge­sehen, ihre Lebensumstände deutlich zu verbessern. Die Probleme sind gewaltig.

Mit einer prachtvollen Zeremonie wurden am vergangenen Samstag in Peking die 13. Paralympics eröffnet. Und wie schon bei Olympia stellen die Gastgeber das größte Team. 332 chinesische Athleten mühen sich um Medaillen. Die Organisatoren haben sich wiederum alle Mühe gegeben, die besten und größten Paralympics aller bisherigen Zeiten auszurichten.

Der Einsatz gilt auch einer bisher übersehenen Bevölkerungsgruppe. In China leben rund 83 Millionen Menschen mit Behinderung. Dennoch müssen die Zeitungen nichtbehinderte Bürger über den Umgang mit den Athleten der Paralympics aufklären. Sie fordern die Zuseher auf, sich nicht wie Gaffer zu verhalten, nicht zu spotten oder die Behinderten nicht Krüppel zu nennen.

Die Erziehung ist nötig. Chinas Behinderte waren bisher stigmatisiert. Selbst die rund eine Million behinderter Pekinger mied die Öffentlichkeit, die für sie nur aus Hindernissen und der Konfrontation mit meist rüpelhaften Mitbürgern bestand. "Lasst die Behinderten aus ihren Häusern kommen", forderte Chinas Expertin für Sozialrecht Liu Zuixiao von der Akademie für Sozialwissenschaften im Parteiorgan Volkszeitung.

Die Zahl der Behinderten hat sich in China innerhalb der vergangenen 20 Jahre um nahezu ein Drittel erhöht. Arbeitsunfälle und Umweltkatastrophen sind Folgen des wirtschaftlichen Aufschwungs, der teilweise rücksichtslosen Modernisierung. Andererseits führt die vom Staat verordnete Kleinfamilie zu einem Pflegenotstand. 260 Millionen Familien seien betroffen, räumt das Chinas Politbüro ein.

Der Staatsrat setzte die Integration der Behinderten in Alltagsleben, Arbeitswelt und Sozialnetz auf die Tagesordnung der Wirtschafts- und Gesellschaftsplanung. Der Staat verpflichtet sich zum Aufbau und zur Finanzierung eines Wohlfahrtssystems. "Es gibt einen ziemlich großen Unterschied im allgemeinen Lebensstandard der Behinderten und dem der übrigen Bevölkerung", stellte das Politbüro lapidar fest.

Solche Eingeständnisse fallen den Führungsgremien im sozialistischen China nicht leicht. Doch sie sind nur die halbe Wahrheit. Das wahre Elend zeigt sich abseits der Metropolen. Auf dem Lande haben nicht einmal zwei Prozent der Behinderten Anrecht auf medizinische Hilfe. Die Öffentlichkeit reagierte geschockt, als im Vorjahr in zwei Provinzen kriminelle Ziegeleibetreiber aufflogen, die entführte Kinder und hunderte Behinderte wie Sklaven für sich arbeiten ließen.

Chinas Problem ist zu groß, als dass mit den Paralympics nur eine Potemkin'sche Show geboten werden könnte. Darin sieht Deng Pufang die Chance. Der 64-jährige Sohn des einstigen Staatschefs Deng Xiaoping wurde im Mai 1968, nachdem sein Vater in Ungnade gefallen war, selbst Opfer der Kulturrevolution. Der Physikstudent sprang vom Gebäude der Uni Peking, um sich der Verfolgung durch Rotgardisten zu entziehen.

Der fortan querschnittgelähmte Deng wurde Vorsitzender des Behindertenverbandes. Seither kämpft er darum, sein "Ideal des Humanismus" in Chinas Ideologie einzubringen. Deng, als bisher einziger Chinese mit dem UN-Menschenrechtspreis ausgezeichnet (2003), glaubt, dass die Behinderten durch die Paralympics ihr Anliegen auf Überwindung der Ungleichheit und Ungerechtigkeit in einer "letztendlich freiheitlichen, umfassend entwickelten Gesellschaft" verwirklichen können. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD Printausgabe 08.09.2009)

 

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