Tierschützer und Justiz: Die Warnschüsse der Macht

7. September 2008, 19:13

Die Causa Martin Balluch und Co ist nur kein mutmaßlicher Kriminalfall allein - Es geht um das Verhalten von Polizei und Justiz gegenüber Dissidenten

Tierschützer und Justiz: Die Warnschüsse der Macht

War Wilhelm Busch (nicht Bush) ein Schreibtisch-terrorist? Nach den Vorstellungen Wiener Neustädter Ermittler war er es. Denn mit dem aufmunternden Hinweis auf das Ansägen der Brücke vor einer Schneiderei hat er zu einer Tat mit möglichen Todesfolgen aufgerufen. Eine solche Tat wird auch den vor einigen Tagen enthafteten Tierschützern vorgeworfen - Jagdhochstände angesägt zu haben. Die Zeiten ändern sich. Bubenstreich oder nicht?

Natürlich nicht. Und wenn es Beweise geben sollte, dann müssten die Täter auch bestraft werden. Wie im Falle von "Schüttaktionen" gegen Geschäftsleute. Ironie: Vor einer Wiener Galerie hat es einmal sogar das Auto von Hermann Nitsch selbst erwischt.

Die Causa Martin Balluch und Co ist nur kein mutmaßlicher Kriminalfall allein, sondern sie reicht als Exempel weit über das Vorgehen gegen aggressive Tierschützer hinaus. Es geht um das Verhalten von Polizei und Justiz gegenüber Dissidenten.

Warum die skandalös lange inhaftierten Tierschützer besonders lästig wirken? Weil sie Angriffe auf mächtige Kreise der österreichischen Gesellschaft gestartet haben. Balluch und Co haben die Jägerschaft derart aufgebracht, dass diese zum Beispiel im Burgenland eine Art Bürgerwehr organisiert hat. Die allerdings auch von der Polizei laufend über Fahrtrouten und Aktivitäten der Tierschützer informiert wurde. Balluch und Co haben nicht nur (mutmaßlich ungesetzlich) Handelsketten attackiert. Die von der Polizei immerhin gestatteten Schreiorgien vor Kleider Bauer in der Mariahilfer Straße sind für Angestellte der Läden und für Passanten schwer verträglich. Agrarlobby, Handel und Werbeagenturen empfanden daher "klammheimliche Freude" über das harte Vorgehen gegen die Tierschutzorganisationen.

Trotz der Haftentlassung durch die Oberstaatsanwaltschaft, trotz der richtigen Reaktion der Günen, Martin Balluch auf die Kandidatenliste zu setzen, sollte verlangt werden, wie im Fall Kampusch eine Untersuchungskommission einzusetzen. Unter dem Vorsitz eines ehemaligen Oberstrichters (Adamovich oder Korinek) müsste das Vorgehen von Polizei und Justiz analysiert werden.

Heinz Patzelt, der österreichische Sprecher von Amnesty international hat Sorge, dass mit dem Antiterrorparagrafen des Jahres 2002 wie im Fall der Tierschützer nun generell "mit lästigen Aufmüpfigen", mit Dissidenten also, aufgeräumt wird. Das heißt: Nicht um eine Abschaffung des Paragrafen 78a ginge es, sondern um eine präzisere Fassung.

Noch ist Österreich ein Rechtsstaat. Aber der Trend zum Macht- und Überwachungsstaat nimmt zu. Nach Einschätzung Patzelts rücken wir Italien näher, wo der Rechtsstaat erodiert. Überall in Europa gäbe es Missbräuche, registriert amnesty. Weil der Rechtsstaat ja auch von Radikalen angegriffen werde. Nur: In Großbritannien zum Beispiel folgt auf jeden größeren Fehler von Polizei und Justiz eine öffentliche Debatte. In Österreich wird zunächst abgeblockt und vertuscht, irgend wann einmal ein bisserl was zugegeben.

Fazit: Wir brauchen wie in den USA eine neue Politik. Und eine andere Führung im Innenministerium.(Gerfried Sperl/DER STANDARD Printausgabe, 8. September 2008)

 

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Posting 1 bis 25 von 68
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2infinty&beyond
11
11.9.2008, 13:19
ich empfehle allen

sich den artikel im falter durchzulesen: http://www.falter.at/web/print... php?id=767

Victoria1
 
10
13.9.2008, 14:53
Gut dass Sie den Artikel hier eingestellt haben.. :)

"die Autos der „Mörder“ seien „generalüberholt“ "worden."

Selten bzw. noch nie habe ich mit "Verbrechern" so sympathisiert wie mit denen im o. g. Artikel. Ich mein, wie frustriert müssen die gewesen sein um zu derartigen Mitteln zu greifen? Die "dümmliche" Justiz unterstützt noch den "Schwerverbrecher" Peter Graf hins. Ermittlung gegen "unschuldige" Tierschützer und das auf Kosten von Steuergeldern! Wer sagt das Peter Graf nicht selbst die Anschläge verübt hat, dies auf die Tierschützer schiebt um diese auszuschalten? Einem Menschen der eiskalt auf "bestialische" Kosten von Tieren verdient traue ich jedenfalls sowas zu!
Peter Graf, es ist GRAUENHAFT womit Du Dein Geld verdienst!
Welche Klientel kauft überhaupt bei Kleiderbauer ein??

Papiertiger
00
30.10.2008, 10:14
lol

sie leben in einer welt voller verschwörungen

Schneck1
00
Mächtige Kreise

"Warum die skandalös lange inhaftierten Tierschützer besonders lästig wirken? Weil sie Angriffe auf mächtige Kreise der österreichischen Gesellschaft gestartet haben. Balluch und Co haben die Jägerschaft derart aufgebracht, dass diese zum Beispiel im Burgenland eine Art Bürgerwehr organisiert hat."

Sehen sie die Jägerschaft in Österreich als mächtig?

derOberlehrer
00
10.9.2008, 11:14
Wer geht denn so auf die Jagd?

Förster, Putzfrauen, Regalbetreuer, Taxifahrer? Oder eher Konzernchefs, Oligarchen, hohe Politiker?

Victoria1
 
20
13.9.2008, 14:55
Natürlich

Konzernchefs, Oligarchen und hohe Politiker.

Eben die JA-Sager der Gesellschaft. Die nirgends was zu sagen haben, ansonsten sie sofort ihren Tisch räumen müßten, und sich auf die "wehrlosesten" der Gesellschaft abreagieren wollen! Pfui Teufel! Ich muss aufhören zum Schreiben, mir kommt das KOTZEN!!

Papiertiger
00
30.10.2008, 10:15
ja bitte

verschonen sie uns mit ihren sinnlosen texten.
mir kommt bei ihren zeilen auch immer das KOTZEN!!!

muhahaha

Schneck1
00
10.9.2008, 12:42

Stimmt schon, aber in jedem Ort am Lande gibt es einen Jagdverband, und die Jäger sind großteils Landwirte, aber auch einige Landbewohner, die keine Landwirtschaft besitzen.

Dante Alighieri
00

"Balluch und Co haben die Jägerschaft derart aufgebracht, dass diese zum Beispiel im Burgenland eine Art Bürgerwehr organisiert hat. Die allerdings auch von der Polizei laufend über Fahrtrouten und Aktivitäten der Tierschützer informiert wurde."

Wahnsinn. Verbrecherischer kann ein Staat kaum agieren.

sprung
 
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respekt

vielen dank für diesen wichtigen kommentar! es macht mut, dass es noch journalisten gibt denen integrität wichtiger ist als eine einladung zum nächsten sauschädelessen.

dass die övp bzw. frau fekter das innenministerium verliert ist zwar unwahrscheinlich (auch nach spö aussagen) aber möglich. sonst wirds wirklich kritisch, wie italien zeigt ist der weg auch zb zu lynchmobs und rassengesetzen (roma) nicht weit!

John D.
41
... eine kuriose Parteinahme für Gesetzesbrecher

Da geht´s nicht um Politik.

Es geht darum, ob massive Sachbeschädigungen und ungesetzliche Störaktionen ungestraft toleriert werden sollen, weil die Sachbeschädiger (angeblich) ehrenwerte Motive haben.

F G
00

Wenn die Autos der Kleiderbauerbesitzer beschädigt wurden, dann ist das zweifellos Sachbeschädigung. Ob die Täter Tierschützer, enttäuschte Angestellte, Konkurenten oder sonstwer sind ist aber unbekannt.

suboptimal
 
02
Unschuldsvermutung

bis zur Verurteilung sagt Ihnen nichts, gell?

hurchzua
32
wieder einmal völlig daneben

Ein Rechtsstaat verträgt es nicht, wenn mit kriminellen Mitteln (Sachbeschädigung etc.) politische Ziele (hier: "Persönlichkeitsrechte für Tiere") durcgesetzt werden sollen.

Da müssen die Behörden aktiv werden - gerade eben, weil wir ein Rechtsstaat sind.

Nik M
03

Ja, indem sie bei Sachbeschaedigung wegen Sachbeschaedigung ermitteln.

Jan Smaal
00

Das haben sie ja gemacht. Wenn sie dann aber draufkommen, dass die Betroffenen alle so "obergsch'eit" sind, konspirative Methoden zur Kommunikation einzusetzen, dann müssen sie halt damit leben, dass auch der Staat eins drauf gibt :(

Ohne die Sachbeschädigungen und Drohungen, die begangen worden sind, wär' es aber nie dazu gekommen.

Blöd gelaufen für die Tierschützer.

vito
 
11
Eine Lektion.

Und die Zivilgesellschaft wird diese Lektion umso mehr verstanden haben, wenn sich am Ende herausstellt, dass an den Vorwürfen nichts dran war.

greenberetta
02
§278a, Herr Sperl! Nicht 78a.

Zum Kommentar: Sehe ich ähnlich. An den Ohren der Mehrheit wird das aber leider unbedarft vorbei gehen. Links rein, rechts raus!

silurus glanis
21

"Die von der Polizei immerhin gestatteten Schreiorgien vor Kleider Bauer in der Mariahilfer Straße sind für Angestellte der Läden und für Passanten schwer verträglich."
Gibts dort keine Anrainer?

Heuschreck
20
Das ist vielleicht so ähnlich wie mit Kindern die schreien.

Die sollte man nicht dafür schlagen, sondern fragen was sie denn haben und was sie so stört.

Nichts geschieht grundlos.
Vieles versteht man nur nicht.
Menschen sind eben verschieden.

Gerald R.
00
15.9.2008, 11:51

bei allem respekt gegenüber tierschutz, das ist ja wohl ein selten dummer kommentar. das nimmt jedem die möglichkeit irgendein verhalten zu kritisieren, denn es wird ja wohl immer eine ursache haben. aber nicht jedes verhalten muss man tolerieren und immer lieb fragen, was genau falschläuft.

X Y
25
Ein humoristisches Buch -und das tatsächliche Ansägen von Jagdständen.

Natürlich wird das alles bestritten. Aber Hr. Sperl rechtfertigt diese Vorgangsweise!
Jeder, der bei Hrn. Nitsch´Schüttaktionen zugängig ist, zahlt sogar dafür. Mit entgeht hier die Ironie - Herr Nitsch hat noch nie jemanden absichtlich beschädigt. Absichtliche Aggression gegen Andersdenkende, und das sind Schreiorgien nun einmal, findet immer dort statt, wo der Aggressor glaubt, moralisch dazu verpflichtet zu sein; da ist keine Diskussion mehr möglich - die Abtreibungsgegner sind dagegen geradezu als höflich zu bezeichnen.
Ungerechtfertigte Untersuchungshaft nach fragwürdigen Kriterien ist abzulehnen; dem sollte auch nachgegangen werden. Aber ich würde die VGT Demonstrationen grundsätzlich nur außerhalb des Schreiradius zulassen.

hamstertier
01
sehr guter kommentar.

Nik M
01

Dann wird ein bisserl was zugegeben, aber es werden keine Konsequenzen gezogen. Weil naemlich auch die Parteien den Rechtstaat nicht ernst nehmen.

Wie in Italien. Das erste Gesetz, dass Berlusconi regelmaessig erlaesst, gewaehrt ihm Immunitaet. Fuer Steuerhinterzieher hat er Verstaendis, weil die Steuern sind wirklich zu hoch.

Und vor allem unter Blau-Schwarz hat Oesterreich Riesenschritte in die gleiche Richtung unternommen. Grasser bis zum Schluss zu halten war nicht richtig. Jetzt mit Platter wird sich die Farce wiederholen: Mein Gott, hat er halt fuer den Parteifreund bei der Bekleidungkette ein bisserl interveniert, wer wuerd das nicht machen wenn er koennt, sein wir uns ehrlich. Man fuehlt sich irgendwie hilflos als Buerger.

Aliase
98

Diese Leute, die vor allem eine professionelle Therapie brauchen, als Dissidenten zu bezeichen, ist eine Verhöhnung von wirklichen Dissidenten.

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