Frankreich leckt seine Wunden

7. September 2008, 14:25
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Druck auf Teamchef Domenech nicht geringer geworden - Verteidigung nach 1:3 in der Kritik - Mexes Sündenbock - Schicksalsspiel gegen Serbien

Wien - Dem Fiasko folgte die Blamage. Das französische Fußball-Nationalteam hat nach dem Aus in der Gruppenphase der EURO 2008 auch beim Start in die WM-Qualifikation einen schweren Rückschlag erlitten. Teamchef Raymond Domenech steht nach dem 1:3 in Wien gegen Österreich gehörig unter Druck. "Eine fehlende Reaktion am Mittwoch gegen Serbien würde Raymond Domenech nicht überleben", schrieb die Sportzeitung "L'Equipe" am Sonntag.

Dabei waren die Hoffnungen der Franzosen auf eine Rehabilitierung nach der enttäuschenden EM - ein Tor und ein Punkt in drei Spielen - groß gewesen. Ein Umbruch hatte stattgefunden, eine junge Generation um den arrivierten Starstürmer Thierry Henry mehr Verantwortung übernommen. Wirklich entfalten konnten sich die Jungstars Samir Nasri, Karim Benzema und Co. aber nicht. Domenech will ihnen Zeit geben - wenn er sie selbst bekommt.

Verteidiger Philippe Mexes hat sich übrigens am Sonntag als Sündenbock zur Verfügung gestellt. "Ich übernehme die volle Verantwortung für meine Fehler", betonte der 26-Jährige von AS Roma bei der Rückkehr ins Teamcamp nach Clairefontaine.

Mexes, der sowohl am ersten Tor durch Marc Janko beteiligt gewesen war als auch mit einem unnötigen Foul an dem ÖFB-Stürmer den entscheidenden Elfmeter verursacht hatte, stellte sich auch hinter den heftig kritisierten Teamchef Raymond Domenech. "Was passiert ist, ist viel mehr meine Schuld, als die des Trainers. Alle Spieler vertrauen ihm", betonte der Abwehrspieler.

"Diese Mannschaft ist jung, aber der Weg zur WM nach Südafrika ist noch lang", betonte Domenech. Panik will der Teamchef keine aufkommen lassen, auch von einem Schicksalsspiel in Paris gegen Serbien nichts wissen. "Es sind noch viele Schlachten zu schlagen. In unserer Gruppe wird es einen Kampf bis zum Ende geben." Frankreich hat sich bisher aber noch nie für eine WM qualifiziert, wenn das erste Qualispiel verloren gegangen war - weder für die WM 1970 (0:1 gegen Norwegen) noch 1994 (0:2 gegen Bulgarien).

In die Kritik geriet vor allem die französische Abwehr, die nicht nur mit Österreichs robustem Solostürmer Marc Janko, sondern vor allem bei Standardsituationen ihre liebe Not hatte. "Die Bleus ohne Verteidigung", titelte das "Journal du Dimanche". Unentschuldbare Fehler hätten die Niederlage verursacht. "Da sind wir ziemlich schlecht gestanden", gestand Domenech. "Aber es waren gut ausgeführte Standards, da haben wir nicht viel machen können."

In der Offensive fehlte die Durchschlagskraft. Nasri war links bei György Garics abgemeldet, im zentralen Mittelfeld ließen Lassana Diarra und Jeremy Toulalan Kreativität vermissen. "Der Wille war da. Wir haben auch Druck ausgeübt, aber es hat nicht sein sollen", meinte Domenech. An die Gefahr, die WM zu verpassen, will der 56-Jährige erst gar nicht denken. "Was heißt Gefahr? Es ist noch viel zu früh, um Bilanz zu ziehen." Abschließender Gegner in Gruppe 7 ist am 14. Oktober in Paris erneut Österreich.

Sollten die Resultate bis dahin nicht stimmen, wird der Teamchef aber nicht mehr Domenech heißen. Mit Alain Boghossian wurde dem streitbaren Coach bereits ein Weltmeister von 1998 als Assistent zur Seite gestellt, mit Didier Deschamps steht ein weiterer jederzeit als Cheftrainer bereit. Vorerst sprach Verbandspräsident Jean-Pierre Escalettes Domenech, den er schon nach der EURO überraschend gehalten hatte, aber das Vertrauen aus.

"Wir sind in der Phase eines Neuaufbaus, der Weg dorthin ist aber ein langer", forderte Escalettes nach der Blamage im Ernst Happel Stadion Geduld ein. "Es hat schlecht begonnen, aber wir werden weiter arbeiten. Hoffen wir, dass es gut endet." Auf die Frage, ob es am Mittwoch im Stade de France um Domenechs Kopf gehe, antwortete der Verbandschef historisch sattelfest, aber ausweichend: "Wir befinden uns nicht mehr in der Epoche der Guillotine." (APA)

 

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