Bundeskongress: Grüne Basis straft ihre Führung

7. September 2008, 10:53
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Geschäftsführerin Sburny aus dem Rennen um sichere Plätze im Parlament geworfen - Dämpfer bekamen zwei weitere grüne "Promis" - Van der Bellen und Glawischnig bilden Spitze, Pilz auf dem sicheren vierten Platz

Graz - Hoch gepokert - und alles gewonnen. Mit theatralischer Rhetorik, gespickt mit erpresserischen Untertönen - er wolle sich im Fall der Nichtwahl aus der Politik verabschieden - holte sich das grüne "Urgestein" Peter Pilz am Sonntag beim Grünen-Bundeskongress in Graz sein sicheres Ticket für den Wiedereinzug ins Parlament.

Und kickte damit im Rennen um Platz vier zwei gegenspielende "Grün-Promis" , Sozialsprecher Karl Öllinger und Wirtschaftssprecher Bruno Rossmann, vorerst aus dem Rennen. Öllinger gewann letztlich noch den relativ sicheren, aber weniger prestigevollen Platz sechs. Sollten die Grünen wesentlich dazugewinnen, hat auch Rossmann noch eine kleine Chance.
Richtig rausgeboxt wurde aber Bundesgeschäftsführerin Michaela Sburny. Sie verlor die Kampfabstimmung über den sicheren fünften Platz auf der Bundesliste gegen Burgenlands Listenerste Christiane Brunner und ist somit draußen.

Der fixe dritte Platz auf der Bundesliste war diesmal für eine Migrantin reserviert. Die Kampfabstimmung um diesen Platz gewann die gebürtige Türkin und Wiener Gemeinderätin Alev Korun vor der aus Kamerun kommenden Frauenrechtlerin Beatrice Achaleke. Der Tierschützer Martin Balluch kandidiert ganz hinten, chancenlos auf einem "symbolischen" Platz.

Interne Kritik

Dass sich die Grünen so kurz vor der Wahl den Luxus eines internen Machtkampfes um die Sonnenplätze leisten, stieß in den Delegiertenreihen auf erheblichen Unmut. "In Zeiten, wo die anderen Parteien bereits wahlkämpfen, erstellen wir erst unsere Liste" , schimpfte etwa die Volksanwältin und frühere Parlamentarierin Terezija Stoisits im Standard-Gespräch. Durch diese internen Wahlkämpfe sei in den letzten Wochen "irrsinnig viel Energie gebunden gewesen, weil die Kandidaten ja wahlkämpfend in der eigenen Partei unterwegs waren" .

Kein Problem hatte natürlich Parteichef Alexander Van der Bellen. Nach seiner Rede - er tat das Notwendigste - wurde der Parteichef von 84,6 Prozent der Kongressdelegierten zum Spitzenkandidaten gewählt - allerdings sein bisher schlechtestes Ergebnis. Seine Vizeparteichefin Eva Glawischnig kam mit 83,6 Prozent als Zweite auf der Bundesliste.

Grünes Fußballmatch

Van der Bellen und der Fußball. Der Professor hatte das Match gegen Frankreich zwar verpasst, für seine Kurzansprache war der Sieg freilich ein blendender Einstieg. Österreich habe Frankreich, den Vizeweltmeister, sensationell geschlagen - und dies "mithilfe eines tschechischen Migranten" . Und genau so solle es gehen: Österreich solle Menschen aus aller Welt anziehen, weltoffener werden. So könne das Land zeigen, was ihn ihm stecke. Das Fußballbild brachte Van der Bellen zu einem zentralen Punkt des grünen Wahlkampfes: Es werde ein Richtungsentscheidung. Hier die Weltoffenheit der Grünen, dort der blaue Bierdunst in der deutschnationalen Provinz. Die Blauen sind für Van der Bellen schlicht eine Angsthasentruppe: "Warum wollen uns die immer Angst machen? Angst vor Schwulen, vor Minaretten, vor den Frauen, vor der EU. Ganz einfach weil es alle ängstliche Männer sind. Die FPÖ ist die Partei der ängstlichen Männer."

Eva Glawischnig schwenkte in Van der Bellens Angriff auf die FPÖ, die direkte Konkurrenz um Platz drei, ein: "Wir Grünen sind das einzige echte Bollwerk gegen die rechten Hetzer." Die Grünen wollten diesen "reaktionären Bewegungen" Gegenthesen anbieten. Stichwort: Menschenrechte.

Zweite Botschaft: Die Grünen schickten in Richtung SPÖ linkssoziale Signale los. Van der Bellen: "Wohlhabende müssen einen Beitrag leisten." Die Parteispitze bemühte sich zudem um eine klare Abgrenzung zu den Liberalen. Man werde nun vor allem LIF-Finanzier Hans Peter Haselsteiner besonders "durchleuchten" , kündigte Peter Pilz gegenüber dem Standard an. (Walter Müller/DER STANDARD Printausgabe, 8. September 2008)

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    Van der Bellen und Glawischnig führen die Liste an.

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