"Diese Schreibangst war einfach die Hölle"

5. September 2008, 21:21
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Rund 300.000 Menschen in Österreich können nicht ausreichend lesen und schreiben - Ein Porträt von Franz, der den Rettungsring in der Buchstabensuppe ergriff

Linz – An seinen Platz in der Volksschule kann sich Franz noch ganz genau erinnern: „Ich bin eigentlich immer in der letzten Bank gesessen“. Dort wo „Faule und Deppen“ hingehören, habe ihm der Lehrer oft gesagt. Und gezeichnet habe er oft in der Schule. Immer dann, wenn er „nicht wirklich“ verstanden hat, was der Lehrer vorne erklärt hat. Es ist der Anfang eines beschwerlichen Lebens als Analphabet.

„Dem Lehrer war doch das wurscht. Da gab es keine Förderhilfen“, erinnert sich Franz im Gespräch mit dem Standard. Und daheim? „Meine um fünf Jahre ältere Schwester leidet am Down-Syndrom. Meine Mutter war mit ihr und meinem kleineren Bruder voll ausgelastet. Und die Alkoholkrankheit meines Vaters hat die Situation nicht wirklich erleichtert“, erzählt Franz. Bücher hätte es keine gegeben, auch keine Spiele „und schon gar nicht Gutenachtgeschichten“. In die Hauptschule durfte Franz nicht wechseln. Bis zu dem Zeitpunkt, als die Volksschule aufgelöst wurde. „Bis zur dritten Klasse bin ich in der Hauptschule geblieben“, erzählt der 52-Jährige. Lesen konnte Franz da nur sehr langsam und schreiben nur „mit ganz vielen Fehlern“. Und es ist der Zeitpunkt, wo Franz den Entschluss fasste, künftig dem geschriebenen Wort weitgehend aus dem Weg zu gehen: „Die Angst war übermächtig. Ich konnte ja schreiben, aber die Angst, Fehler zu machen, verhinderte jedes Wort.“ Franz absolvierte eine Schlosserlehre, schaffte auch die Berufsschule. „Da habe ich mich halt durchgeschummelt. Freunde gefragt, ob sie mir die Arbeiten schreiben können.“

Alltagstricks

Auch der anschließende Job garantierte Schreibfreiheit. 15 Jahre arbeitete Franz unter Tage im Bergbau. Private Behördengänge oder Ähnliches werden mit Tricks gemeistert. „Oft habe ich gesagt, ich hätte meine Brille vergessen, damit mir jemand das Formular ausfüllt.“ Doch zunehmend begann Franz zu vereinsamen: „Viele Freunde sind weggezogen. Und wenn du zwei-, dreimal auf eine Postkarte nicht antwortest, reißt der Kontakt ab.“

1991 verlor Franz seinen Job im Bergbau. Es folgte über eine Stiftung ein Praktikum als Altenpfleger. Voraussetzung war die Bereitschaft, die Ausbildung zum Stationsgehilfen zu absolvieren. Und da war sie wieder, die Angst, schreiben zu müssen. „Doch ich habe mich durch die einjährige Ausbildung gekämpft“, lacht Franz. Am Job drohte der 52-Jährige jedoch zu zerbrechen: „In der Praxis war ich gut. Aber dann waren da noch die Berichte und Protokolle. Diese ständige Schreibangst war einfach die Hölle.“ Aber auch das Ende des Davonlaufens. In einer Fernsehsendung erfuhr er von einem Alphabetisierungskurs der Volkshochschule Linz – und meldete sich an. Ein Jahr lang besuchte Franz bis zu dreimal pro Woche die Kurse: „Zeitwort, Eigenschaftswort usw. – ich hab die Sachen endlich verstanden.“

Ende Juli schloss Franz übrigens die Ausbildung zum Altenfachbetreuer erfolgreich ab. Die Abschlussarbeit umfasste ganze 29 (selbst)geschriebene Seiten. (Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 76./7.9.2008)

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