Haben die Zentralbanken eine Ausstiegsstrategie?

5. September 2008, 20:03
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Die US-Notenbank Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of England sind von der Finanzkrise besonders stark betroffen- Von Kenneth Rogoff

Ein Jahr nach der globalen Finanzkrise sind mehrere wichtige Zentralbanken den wackeligen privaten Finanzsektoren ihrer Länder immer noch schutzlos ausgesetzt. Bislang war die Strategie sinnvoll, die Finanzsysteme mit der Ernährungssonde der durch den Steuerzahler garantierten kurzfristigen Kredite am Leben zu erhalten. Doch müssen die Zentralbanken am Ende den Stecker ziehen. Andernfalls landen sie selbst auf der Intensivstation, sollten die Kreditverluste in ihren Bilanzen überhandnehmen.

Die Vorstellung, die größten Wirtschaftsnationen der Welt seien lediglich mit einer kurzfristigen Panik konfrontiert, wirkt zusehends unrealistisch. Stattdessen wird langsam deutlich, dass die internationale Finanzbranche nach einer Zeit der großartigen Profite und Wachstumsschübe nun eine Zeit der Konsolidierung und Kürzungen erleiden muss. Schwache Banken müssen zusammenbrechen oder fusionieren dürfen, damit die starken Banken mit neuer Kraft aus der Krise hervorgehen können. Wenn dies die richtige Diagnose für die "Finanzkrise" ist, dann werden die Versuche, eine gesunde, normale Dynamik aufzuhalten, das Problem lediglich verlängern und verschärfen. Lässt man die notwendige Konsolidierung nicht zu, so schwächt man dadurch die Kreditmärkte, anstatt sie zu stärken.

Die US-Notenbank Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und die Bank of England sind besonders stark betroffen. Zusammen haben sie traditionellen Banken sowie komplexen, unregulierten "Investment-Banken" kurzfristige Darlehen in Höhe von mehreren hundert Milliarden Dollar gewährt. Wenn die Zentralbanken einen massiven Verlust in ihren Bilanzen hinnehmen müssen, ist das nicht unbedingt das Ende der Welt. Doch lässt sich aus der Geschichte ableiten, dass es nie besonders angenehm ist, die Bilanz einer Zentralbank wieder ins Lot zu bringen. Wenn eine Zentralbank mit Kreditverlusten konfrontiert wird, kann sie sich entweder durch Inflation aus dem Schlamassel ziehen oder eine Sanierung durch die Steuerzahler abwarten. Beide Lösungen sind äußerst traumatisch.

Zudem stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit. Der Finanzsektor hat außergewöhnlich hohe Gewinne erwirtschaftet, insbesondere in englischsprachigen Ländern. Und obwohl es aufgrund der Undurchsichtigkeit und Komplexität des Finanzsektors extrem schwierig ist, seine Größe zu berechnen, legen offizielle US-Statistiken nahe, dass rund ein Drittel der amerikanischen Unternehmensgewinne 2006 auf Finanzfirmen entfällt. An der Wallstreet und in der Londoner City sind Bonusse in Höhe von mehreren Millionen Dollar zur Regel geworden, und Finanzunternehmen sind auf den Spenderlisten aller großen politischen Kandidaten der US-Präsidentschaftswahl 2008 am stärksten vertreten.

Warum also sollten die einfachen Steuerzahler die Zeche bezahlen, um der Finanzbranche aus der Patsche zu helfen? Warum nicht der Auto- und Stahlindustrie oder irgendeiner anderen Branche, die in den letzten Jahren einen Abwärtstrend erlitten hat? Dieses Argument fällt noch stärker ins Gewicht, wenn die Zentralbanken zur "Inflationssteuer" greifen, welche überproportional stark die Armen belastet, denen weniger Mittel zur Verfügung stehen, um sich vor Preissteigerungen zu schützen, die den Wert ihrer Ersparnisse verringern. (© Project Syndicate, 2008. Aus dem Englischen von Anke Püttmann. DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

Zur Person

Kenneth Rogoff ist Professorfür Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonomdes InternationalenWährungsfonds.

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