Es braucht eine klare Sprache

8. September 2008, 19:38
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Wir sind großer Hektik und vielen (fremd-)sprachlichen Einflüssen ausgesetzt

Barack Obama schwörte Sympathisanten ein, und geübte Leserinnen und Leser hätten bestimmt schon vor dem Erscheinen dieses Satzes am 30. August darauf schwören können, dass die Zeitungssprache nicht mehr ist, was sie einmal war.

Wie könnte man dem widersprechen, noch dazu in einer Schwerpunktausgabe übers Lesen und Schreiben? Um Verständnis bittend lässt sich einwenden: Wir sind großer Hektik und vielen (fremd-)sprachlichen Einflüssen ausgesetzt. Der Eingangssatz wurde in Denver geschrieben, als die Menschen in der Halle noch tobten und das Flugzeug zur Weiterreise schon wartete. Das ist der Stress, aus dem Fehler erwachsen.

In aller Beschaulichkeit haben sich längst andere Irrtümer eingeschlichen. Ganz oben in der Hitliste dürfte die Tautologie ("schwarzer Rappe" ) stehen. Wir können mit schönen Beispielen dienen. In einer Theaterkritik ist kürzlich ein vorsätzlicher Mörder aufgetaucht. Hätte der Mörder nicht vorsätzlich gehandelt, wäre er kein solcher, wohl eher ein Totschläger. Mord setzt den Vorsatz voraus, für andere Tötungsdelikte gilt dies nicht.

Ein paar Wochen danach fand sich der Hinweis, dass auf jemanden "mit einem hammerähnlichen Werkzeug brutal eingeschlagen" worden sei. Im Überschwang, eine lebensnahe Schilderung des Geschehens geben zu wollen, wurde über das Ziel geschossen: Schläge sind brutal - es wurde noch nie jemand liebevoll krankenhausreif gestreichelt.

Man soll eben nicht übertreiben, wie auch das folgende Beispiel zeigt. Eine Reportage über ein geplantes Atommüllager in den USA begann so: "Auf einem Schild wird der Besucher angewiesen, Sicherheitshelme zu tragen." In den USA wird man schnell einer gewissen Sicherheitsphobie gewahr, dort muss es aber ganz arg sein - die Verwendung der Mehrzahlform lässt darauf schließen: Ein Helm für pro Besucher reicht nicht, man muss gleich mehrere tragen.

Unter dem Titel "Wir haben keinen Laufkundschaft mehr" berichteten am 1. August über eine Einkaufsstraße, der selbige fehlt, dafür gibt es dort "Autos und Straßenbahnen, die sich gegenseitig im Wege stehen." Einander behindern könnte man sich besser vorstellen.

Der Aufsteiger in der Liste der schlechten Formulierungen ist zweifellos "es braucht" . Ein Beispiel aus einem Interview mit Walter Mayer, dem neuen Chef der Bild am Sonntag: "Im Ernst: Mir persönlich gefallen die meisten Seite-1-Mädchen in Bild. Am Sonntag aber herrscht eine andere Lesekultur, da braucht es die Nackte nicht."

Man fragt sich, wer oder was ist "es" , das auf Nackte verzichten kann: die Redaktion, die männliche Leserschaft, beide zusammen, weil die einen nicht tun müssen, was die anderen nicht haben wollen? Entschuldigend ist nur anzumerken, dass der Satz zwar von einem Österreicher, aber in Deutschland gesprochen wurde - jenem Land, dem wir auch die Herkunft von das Teil verdanken.

Ist Besserung möglich? Wir versprachen schon am 2. August "langsame, aber anhaltende Fortschritte" in "Fragen des lebenslangen Lernens" - und teilten in der Unterzeile des Titels stolz mit, dass Österreich dabei an forderer Stelle liegt. (Otto Ranftl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6./7.9.2008)

Sie erreichen Otto Ranftl, den Leserbeauftragten des STANDARD, unter otto.ranftl@derStandard.at oder Leserbriefe@derStandard.at

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