Kopf des Tages: Hier wird das Leben gelernt

5. September 2008, 19:22
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Andere Techniken sind gefragt: In Zeiten des Klettverschlusses ist das Schuhband-Binden kein Kriterium mehr für den kindlichen Entwicklungsstand

Zuerst die nackten Zahlen (die jedoch zwei Jahre alt sind, im Unterrichtsministerium sucht man noch immer ...): 31.679, davon 28.393 Frauen. Der EU-Durchschnitt von männlichen Volksschullehrern ist freilich höher, an die 20 Prozent. Für österreichische Volksschulkinder - 332.000 sind es heuer, davon 80.000 Erstklassler - ist die Schule jedenfalls meist weiblich.

Leider wird niemanden überraschen, dass der Prozentsatz der männlichen Volksschuldirektoren über dem der männlichen Lehrer liegt (im Jahr 2002: 39,3 zu 11,9 Prozent). Früher war es so: Wenn ein Mann vorhanden war, dann wurde der Direktor. Aber das ändert sich.

So weit die Daten, wobei die Zahl der Lehrer von ei- ner Auskunftsperson beeinsprucht wird: Im Stand werden auch jene Lehrerinnen (die männliche "quantité négligeable" wird hier grammatikalisch als solche behandelt) geführt, die sich in Karenz, nicht nur Mutterschaftskarenz, befinden. Wobei Mangel an Personal offenbar mehr in der Stadt als auf dem Land ein Problem ist: "Wir veralten, der Verschleiß nimmt zu." Zu viele Supplierstunden. Geld ist ebenfalls ein Thema, viele Aktivitäten sind auf einen spendablen Elternverein angewiesen.

Aber die Jungen, die sind besonders engagiert, erzählt eine Ältere. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Menschen in diesen Beruf führt: die Beschäftigung mit in diesem Alter besonders aufnahmefähigen Kindern, die weit über das Unterrichten herausgeht. Hier wird das Leben gelernt und geübt. Die Freude am Lernen. Die Erziehungsarbeit in der Schule ist heute noch wichtiger als früher, das liegt an den gesellschaftlichen Veränderungen.

Soziale Problemkinder? Hat es immer gegeben, heute wird jedoch mehr nach außen getragen. Verhaltensauffälligkeiten nehmen offenbar vor allem in der Stadt zu. Und da sind auch mehr nichtdeutschsprachige Kinder. Volksschulen sind Gesamtschulen. Den türkischen Vater, der nicht mit der Lehrerin reden will, gibt es wirklich. Aber auch den österreichischen, der ihr mit dem Kochlöffel (sic!) droht.

Anders als früher sind die Eltern: Heute wird alles hinterfragt. Man müsse sich dauernd rechtfertigen, denn: "Ich habe gelesen ...", sagt Mutter/Vater. Verändert hat sich, was die Kinder wissen - nicht, dass sie dieses Wissen erst einordnen lernen müssen. Und andere Techniken sind gefragt: In Zeiten des Klettverschlusses ist das Schuhband-Binden kein Kriterium mehr für den kindlichen Entwicklungsstand. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.9.2008)

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