Das Selbst dem Selbst verbergen

5. September 2008, 19:14
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Geschechtsneutrales Schreiben und Sprechen kann es nicht geben. Denn in welcher Sprache soll man sprechen, wenn man das eigene Geschlecht verleugnen muss, um von sich zu erzählen?

Geschlechtsneutral. Das ist ein Wort, das klingt nach Wissenschaftlichkeit. Nach Vernunft. Und nach Entkommen in etwas Höheres. Geschlechtsneutral. Das scheint einen Ort zu beschreiben, an dem es diese "Probleme" mit dem Geschlecht nicht geben muß, die in einer christlich grundierten Kultur ja doch für alles Chaos stehen. Geschlechtsneutral. Da eröffnet sich anscheinend die Möglichkeit, den Beschränkungen einer, immer noch aus der Spätromantik hergeleiteten Hegemonie eines postnationalistisch Männlichen zu entkommen. Wenigstens im Geschlechtsneutralen erscheinen die überkommenen Vorherrschaften überwindbar. Geschlechtsneutralität. Dahin kann scheinbar aufgestiegen und abgestiegen werden. Die Aufgabe des Geschlechts wird dann traditionellerweise für Frauen als Aufstieg interpretierbar. Männer können ins Geschlechtsneutrale ausweichen und sich so die ödipale Geste ersparen. Geschlechtsneutral. Das wirkt entlastend. Das enthebt auch das Lesen auf eine Ebene, in der vom eigenen Geschlecht noch einmal abgesehen werden kann. Das Vortäuschen eines Goldenen Zeitalters kann im Geschlechtsneutralen oberflächlich gelingen. Well written literature. Das ist der Wunschtraum des abgestiegenen deutschsprachigen Feuilletons. An den Preisträgerinnen der vergangenen Jahre wurden auch im deutschen Sprachraum die anlakonisierte Stilistik der well written literature zum Ideal erkoren. Dabei wurde und wird verschwiegen, daß US-amerikanische Literatur, aus der dieses Ideal importiert wird. Daß US-amerikanische Literatur ein anderes Geschlecht hat. US-amerikanische Literatur ist nationalistisch. Geschlechtsneutralität im nationalistisch Selbstverständlichen dieses Imports ist nur die Preisgabe des Geschlechts ans Nationalistische. So, wie das im 19. Jahrhundert gewesen war. Die Nation kommt vor allem anderen. In dieser Haltung wurden die Literatursprachen erobert. Die deutsche Literatur versammelt männliches Bewußtsein im Nationalen, das alle anderen Geschlechter überschießt. Der Bürger wird erzählt und erzählt sich in der einen möglichen Sprache. Das Geschlecht des Kanon dieser Literatur ist national und darin männlich. Diese Männlichkeit ist so selbstverständlich die Grundlage dieses Sprechens und Schreibens, daß sie das Sprechen und Schreiben selbst wird. Ein anderes Geschlecht als das nationale - und damit ein Männliches - ist nicht vorstellbar. Die Einordnung in dieses Sprechen und Schreiben ist Bedingung des Äußerns. Nichteinordnen. Das bedeutet Schweigen und Verstummen. Andere Geschlechter. Frauen. Schwule. Lesben. Sprachminderheiten. Religionsminderheiten. Behinderte. Arbeitslose. Prekäre. Kinder. Jugendliche. Alte. Unreligiöse. Ungebildete. Also alle, die in Wirklichkeiten leben, die im Kanon dieses Sprechens und Schreibens nicht vorkommen. Die lernen diesen Kanon als eine Fremdsprache, die nichts über sie selber sagt. Sagen kann. Das bedeutet, alle diese anderen leben in einer Fremdsprache. Das geschlechtsneutrale Sprechen und Schreiben, das ja in unserer Kultur als richtiger Ausdruck des Allgemeinen gilt. Das geschlechtsneutrale Sprechen und Schreiben verbirgt alle anderen Geschlechter sich selber. Die Lebenswirklichkeit wird von der Sprachwirklichkeit getrennt und läßt kein wahrhaftiges Sprechen von sich selbst zu.

Alte Mächte

Nun leben wir ja in der Postmoderne. Das Nationalistische ist eine Konstruktion des Nostalgischen geworden, das aber seine Geltung behaupten konnte. Es wurde ja im Jahr 1945 keine neue Sprache eingeführt. Die Geschichtlichkeit des Deutschen. Also alle tief eingelassenen Aufträge an die Sprechenden, die eine Sprache in ihren grammatikalischen Möglichkeiten bereithält. Und erinnern wir uns. Diese Sprache konnte Krieg und Holocaust sprechen. Diese grammatikalischen Möglichkeiten wurden unverändert an uns weitergegeben. Ja. Das Curriculum des Literaturunterrichts wurde verstärkt an das 19. Jahrhundert gebunden, um das 20. vermeiden zu können. Wir sind also literarisch genauso ausgebildet, wie unsere Großväter und Urgroßväter. Die haben in Geschlechtsneutralität geschwelgt, weil es eben aus sprachnationalistischen Hegemonieansprüchen gar keine andere Überlegung gab. Und erinnern wir uns noch weiter, daß die deutsche Sprache im Österreichischen zwar umstritten, aber immer neben dem Deutsch- nationalen auch Ausdruck des Hegemonieanspruchs der Monarchie war. Wir haben neben dem deutschnational heldischen Kanon auch noch die österreichische Sprachhegemonie als Grundlage eines Geschlechtsneutralen. Aristokratie, Monarchie und absolutistischer Anspruch sind ein anderes, mögliches Geschlecht der Sprache, das sich in Geschlechtsneutralität ausdrückt, weil es das männlich Hegemoniale des Feudalen wieder als Selbstverständlichkeit nicht weiter ausdrücken muß.

All das bedeutet, daß Geschlechtsneutralität in der Sprache und im Schreiben immer die Erinnerung an alte Mächte behält, die alte Männlichkeitsvorstellungen bedingen. Das wiederum heißt, daß ein Mann heute seine Lebenswirklichkeit ganz genau so nicht sprechen kann, wie das für alle anderen Geschlechter der Fall ist.

Geschlechtsneutralität ist eines jener Mittel, das die Person von sich selbst und ihrem Leben trennt. Das wiederum bedeutet, daß die Person den heute an sie gestellten Anspruch der Selbstführung mit einer Sprache erledigen muß, in der sich die Person selber nicht kennen kann. Geschlechtsneutrales Schreiben und Sprechen, das aus seiner Entwicklung her immer ein nostalgisch Männliches ist, ist eine politische Verfehlung. Geschlechtsneutrales Schreiben und Sprechen wird zum Tourismus in vorgegebenen Geschichten, ohne die eigene überhaupt benennen zu können. Geschlechtsneutrales Schreiben ist darin dann eine ästhetische Verfehlung. Für jedes Geschlecht. Übrigens. In der Verleugnung ist die Gleichunberechtigung ja erreicht. (Marlene Streeruwitz, DER STANDARD, Print, 6./7.9. 2008)

Zur Person:

Marlene Streeruwitz, geboren 1950, lebt in Berlin und Wien. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Kreuzungen" (Fischer Verlag 2008).

  • Der deutsche Literaturkanon hat sich verstärkt an vorige Jahrhunderte
gebunden, um das 20. vermeiden zu können. Mit von der Partie: die
Erinnerung an alte Mächte.
    foto: markus schreiber

    Der deutsche Literaturkanon hat sich verstärkt an vorige Jahrhunderte gebunden, um das 20. vermeiden zu können. Mit von der Partie: die Erinnerung an alte Mächte.

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